Das Horn und die Sünde

(zu Psalm 18)

„2 Und er sprach: Ich liebe dich, HERR, meine Stärke!
3 Der HERR ist mein Fels und meine Burg und mein Retter, mein Gott ist mein Hort, bei dem ich mich berge, mein Schild und das Horn meines Heils, meine hohe Feste.
[…]
24 Auch war ich untadelig gegen ihn und hütete mich vor meiner Schuld.
[…]
31 Gott – sein Weg ist untadelig; des HERRN Wort ist lauter; ein Schild ist er allen, die sich bei ihm bergen.“

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Den letzten Worten großer Männer wird gemeinhin viel Bedeutung zugemessen. Man sinnt über sie nach und versucht aus ihnen die Bedeutung zu lesen, die dieser Mensch dem Leben beigemessen hat. Was war ihm wichtig? Worauf hat er gebaut, um so erfolgreich zu werden? Wenn wir den Mann bewundern, dann versuchen wir eine Weisheit für unser eigenes Leben darin zu finden. Was kann ich tun, um genauso bedeutungsvoll zu leben und Spuren zu hinterlassen wie er? Haben wir uns nicht alle schon einmal dabei ertappt, wie wir das letzte Wort einer berühmten Persönlichkeit angehört oder durchgelesen haben und dabei dachten: „Ich will eines Tages auch ein großes, bedeutendes Fazit ziehen können! Mein Leben soll einen Sinn gehabt haben!“?

In Psalm 18 haben wir so eine Art letztes Wort, doch es ist viel mehr. Es ist eines der letzten Gebete, die König David am Ende seines Lebens formuliert hat. So ist es auch im vorangestellten Vers angekündigt als der Psalm, den David gesungen hat, nachdem er alle seine Feinde besiegt hatte und unangefochten der König über ganz Israel war (Vers1): „Von dem Knecht des HERRN, von David, der die Worte dieses Liedes zum HERRN redete an dem Tag, als der HERR ihn gerettet hatte aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Sauls.“

Psalm 18 ist eines der kriegerischsten und wortgewaltigsten Lieder. Gott tritt hier selbst als der Kriegsherr Israels auf. Er selbst hat David dazu befähigt, kräftig und mutig zu sein und alle seine Feinde zu besiegen. Die Macht und Kriegsfähigkeit des Gottes Israels wird in einem Bild gezeichnet, das uns ehrfürchtig staunen lässt, wenn wir aufmerksam lesen und zulassen, dass sich vor unseren inneren Augen die türmenden Wolken, die schlagenden Blitze, die glühende Finsternis und das blendende Licht entfalten. Abgründe öffnen sich, wir hören einen Donner, der uns bis ins Mark erschüttert und zu Boden wirft. Gott ist ein Gott, vor dem man auf die Knie fällt, weil er so gewaltig ist. Selbstverständlich musste David am Ende seines Lebens siegreich sein, wenn solch eine Gewalt und Macht hinter ihm standen. Es geht gar nicht anders. Wir lesen es und denken: „Ja, wenn ich diesem Gott, der so groß und krass ist, vertraue, wie David es getan hat, dann könnte es schon klappen mit meinem eigenen Leben. Dann fahre ich vielleicht auch eigene Siege ein.“

Doch wenn man erst das Kriegspanorama hinter sich gelassen hat und die Wogen der Schlacht und der Naturgewalten sich geglättet haben, gleitet man plötzlich in sehr viel ruhigeres Fahrwasser. David schreibt jetzt über sich selbst und sein Verhältnis zu Gott. Hier finden wir den eigentlichen Grund für seinen Erfolg. In Vers 25 lesen wir also: „So vergalt der HERR mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.“ Aha, David war also ein siegreicher Feldherr und ein mächtiger König, weil er so gut war und weil er alles richtig gemacht hat.

Doch halt! War da nicht etwas in seinem Leben, von dem wir gehört haben? Hat er nicht einen Mann umbringen lassen, um dessen Frau für sich zu haben? Hat er nicht sogar gegen Ende seines Lebens tatsächlich gegen ein Gebot Gottes verstoßen und Israel zählen lassen, obwohl er es nicht durfte [für Volkszählungen gab es klare Regelungen, welche Teile Israels erfasst werden durften und welche nicht]? David hat also nach den Maßstäben Gottes gesündigt. Warum spricht er dann davon, dass er Sieg hatte und seine Feinde sich ihm letztlich alle ergeben mussten, weil er selbst gerecht ist und Gott ihn für unschuldig befunden hat?

Die Lösung für das Problem findet sich einem kleinen, zarten Vers, der in den meisten Übersetzungen, die sich an den Urtext halten wollen, ähnlich übersetzt wird. Ein bestimmtes Wort ist dabei entscheidend. Vers 24: „Auch war ich untadelig gegen ihn und hütete mich vor meiner Schuld.“ David spricht davon, dass er sich von SEINER Schuld fern hält. Er meidet sie, er distanziert sich von ihr. Er hat Schuld auf sich geladen, doch er hütet sich vor ihr und kann deshalb sagen, dass er gerecht ist. Wie funktioniert das?

Gleich in den zwei Eingangsversen gibt er eigentlich die Antwort darauf (Verse 2 und 3): „Und er sprach: Ich liebe dich, HERR, meine Stärke! Der HERR ist mein Fels und meine Burg und mein Retter, mein Gott ist mein Hort, bei dem ich mich berge, mein Schild und das Horn meines Heils, meine hohe Feste.“

Diese Formulierungen sind uns aus unzähligen Liedern und Hymnen bekannt. Eine feste Burg ist unser Gott. Wir denken dabei an die Ritterburgen mit ihren Gräben, Zugbrücken und hohen Mauern. Das Bild ist hilfreich, weil es uns sagt, dass wir bei Gott sicher sind. Es tröstet uns. Doch David dachte zuerst an etwas ganz anderes. Sein Bild vom Schutz bei Gott war völlig verschieden von dem, was wir uns heute ausmalen mögen. Es ist das Horn des Heils. Wir lesen das so, nicken und denken: „Okay, ist eine komische Formulierung, aber gut, Gott ist mein Heil, soweit komme ich mit, das reicht mir.“ Wenn David vom Horn des Heils singt, dann denkt er jedoch ganz klar an den Brandopferaltar im Heiligtum Gottes. Keine Ritterburgen, sondern ein Kasten, auf dem Tiere geschlachtet und verbrannt werden. Was hat das mit Gottes Schutz zu tun?

Es ist Gottes Schutz für David vor seiner Sünde. Es ist der Ort, an den David fliehen kann, um schuldfrei zu werden, sich gerecht zu nennen und siegreich zu sein. Es gab in Israel die Sitte, dass jemand im Tempel Gottes Asyl suchen konnte, wenn er zu Unrecht beschuldigt wurde und ihm eine Todesstrafe drohte. Dazu musste man zum Brandopferaltar gehen und dessen Hörner anfassen. Warum der Altar Hörner hatte, weiß man bis heute nicht so genau und gelehrte Gemüter streiten sich immer noch darüber. Sicher ist nur, dass auf diese Hörner das Blut der Opfertiere gestrichen wurde, die man als Schuldopfer darbrachte. Das Blut sollte die Sünden des Volkes Israel bedecken und sie so gerecht vor Gott machen. Zu diesem Altar, zu diesem Opfer also flieht David. Er bittet Gott, ihm die Schuld zu vergeben. Das ist seine eigentliche Zuflucht.

Das ist auch unsere Zuflucht. Wir haben ein Horn des Heils, zu dem wir fliehen können, wenn uns unsere Schuld drückt. Im Opfer Jesu sehen wir das vergossene Blut des Sohnes Gottes, das uns von unserer Schuld vor Gott rein wäscht. Erst wenn wir zu diesem Berg (Golgotha), zu dieser Festung fliehen, finden wir Gerechtigkeit, die uns hilft, sicher zu sein, siegreich zu sein über unser Versagen. Wenn wir Vergebung für unsere Fehler haben und mit Gott und Menschen Frieden machen können, dann flieht der Feind. Dann sind wir siegreiche Feldherren wie einst König David. Es geht einzig und allein um unser Verhältnis zu Gott. Können wir sagen „Ich liebe dich, Gott“ wie David es tat? Können wir auf unsere Vergangenheit sehen und sagen: Ich bin siegreich!?

Es ist ein Lebensziel, das uns in Psalm 18, dem letzten großen Gebet Davids, vorgelegt wird. Frieden zu machen. Mit uns selbst, mit den Menschen, mit Gott. Es gelingt uns nur, wenn wir den Ort unserer Zuflucht vor Augen haben und die Hand danach ausstrecken. Dann können wir lachend singen wie David es tat (Verse 33 – 36): „Gott umgürtet mich mit Kraft und untadelig macht er meinen Weg. Er macht meine Füße den Hirschen gleich, und stellt mich hin auf meine Höhen. Er lehrt meine Hände das Kämpfen und meine Arme spannen den ehernen Bogen. Und du gabst mir den Schild deines Heils, und deine Rechte stützte mich, und deine Herabneigung machte mich groß.“

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