Jesus auf dem Balkon

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Wenn man Kopfschmerzen hat, sollen zwei Dinge besonders gut helfen. Ein wenig Schlaf oder ein Spaziergang an frischer Luft. An einem der letzten Sonntage entschied ich mich für das Letztere. Eine aus Versehen auf dem Sofa verbrachte Nacht hatte mir recht unbequeme Schmerzen im Nacken und einen äußerst schweren Kopf verursacht. Noch einmal das Sofa zu frequentieren kam also nicht in Frage. So blieb mir im Grunde nur übrig, einen sehr stillen Ort aufzusuchen. Und welcher Ort könnte an einem Sonntagnachmittag ruhiger und menschenleerer sein als ein abgelegener, historischer Friedhof, den man schon immer mal besichtigen wollte?

Es war das passende Wetter dafür. Eiskalt, wenig Sonne und ein feuchter Dunst. Genau so, wie man sich in einem Film oder einem Roman den schaurigen Besuch auf einem verfallenen Friedhof vorstellt. Das gibt dankbare Motive für ein paar gelangweilte Schnappschüsse. Der Friedhof meiner Wahl war einer mit uralten Familiengrüften und Grablegen auf verschiedenen Ebenen, eine stille Stadt der Toten, langsam angewachsen und über die Ränder gewuchert wie die Stadt der Lebenden dahinter. Wenn man auf der unteren Ebene steht, kann man zu den wirklich alten Monumenten aufschauen. Der interessante Ausblick wurde durch die kurz durchbrechende Sonne noch verschönert und schon war dieser Moment im Handy festgehalten.

Bei näherer Betrachtung dessen, was ich da so in die Linse gebannt hatte, musste ich unwillkürlich lächeln. Eine Christusstatue im Gegenlicht, eingezäunt von schmiedeeisernen Gattern. Es sah aus, als würde dort oben jemand auf einer Dachterrasse oder einem Balkon stehen, eine Gestalt im Umhang, die ihre Arme ausbreitete und den Anblick der unter ihm liegenden Stadt genoss. „Jesus steht auf dem Balkon und schaut zu mir herunter.“, dachte ich. Im Grunde habe ich nicht viel übrig für kitschige Christusfiguren und hege keinerlei religiöse Gefühle bei ihrem Anblick. Ich kann die kunstvolle Arbeit im Stein bewundern, aber das Abbild hat für mich persönlich keine tiefere Bedeutung an sich.

Doch in diesem Augenblick gewann das Schauspiel in der untergehenden Sonne für mich etwas ungemein Tröstliches. Es war ein später Nachmittag, der am Ende von einigen mühsamen und zermürbenden Wochen stand und noch ein paar weitere, herausfordernde Tage warteten mit dem drohenden Wochenbeginn auf mich. Die Kopfschmerzen wollten nicht weichen und auch die düsteren Gedanken nicht. Der Friedhof war eher eine selbstmitleidige Wahl für die Pflege meiner ohnehin getrübten Grundstimmung gewesen. Mein Plan ging jedoch nicht auf, denn ich kehrte ziemlich aufgeheitert nach Hause zurück (obwohl die Kopfschmerzen sich nur geringfügig gebessert hatten, dafür war ich nun müde genug für einen guten Schlaf).

Es sind oft die Kleinigkeiten, die Mut machen in einer Phase des zermürbenden Alltags. Es ist, als würde einem der Schöpfer ein kleines Geschenk machen, als würde Gott selbst einem eine kleine Blume überreichen und sagen: „Hier, schau mal, nur für dich. Einfach, weil ich dich mag!“ Solch ein Augenblick war für mich „Jesus auf dem Balkon“. Es brachte mich zum Lächeln, weil unter diesem einen oberflächlichen Gedanken so viel Tiefes verborgen lag. Jesus begegnet uns oft unerwartet. Zu einem Zeitpunkt, den wir selbst so nie festgelegt hätten und an einem Ort, den wir nie vermuten würden. Er scheint eine Vorliebe dafür zu haben, uns in dieser Hinsicht zu überraschen.

Denken wir nur an die Jünger im Boot, die in Seenot geraten und Hilfe suchend aufsehen. Jesus kommt in aller Ruhe über das Wasser spaziert. Das hat die zwölf Männer so mitgenommen, dass sie zuerst dachten, sie würden einen Geist sehen. Oder wenn Jesus in seine Heimatstadt zurückkehrt und dort in der Synagoge den vorgegebenen Text liest. Schlicht und einfach sagt er den Menschen „Ich bin es, von dem da die Rede ist.“ Sie werden wütend und wollen ihn steinigen, so unfassbar ist, was er sagt. Oder die Frau am Brunnen, die heimlich und einsam ihr Wasser schöpft und plötzlich von Jesus angesprochen und in eine Unterhaltung verwickelt wird, die sie zuerst kaum nachvollziehen kann. Es gibt viele solcher Beispiele, in denen Jesus überrascht. Und einmal steht er auch auf einer Art Balkon. Jesus sieht auf die Stadt Jerusalem herab und er weint über sie voller Mitleid. Ob der Künstler, als er die Christusstatue auf dem Friedhof in Richtung der Stadt ausrichtete, auch an diese Geschichte gedacht hat?

An jenem Tag jedenfalls, hat Jesus mir vom Balkon aus zugewunken. Nicht wirklich. Wie gesagt habe ich nicht viel übrig für die Verehrung von Figuren. Aber es war eine Art Lächeln von Gott in meinen Alltag hinein, das mich an all die überraschenden Momente in der Schrift und in meinem Leben erinnert hat. Es war, als würde er mir sagen: „Warte nur, es wird in den kommenden Tagen noch manche Überraschung geben. Ich bin da und winke dir vom Balkon.“ Und tatsächlich haben sich in den kommenden Mühen einige Dinge ergeben, die manche Schwierigkeit von selbst lösten. Die mühevollen Tage blieben anstrengend, doch ich habe sie geschafft. Weil da einer ist, der auf Jerusalem herab schaut. Oder auf Quedlinburg. Oder auf mich.

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