Zu Psalm 51

Von Zerbruch zu Freude

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Unzählige Lieder und Verse haben sich in christlicher Tradition aus jenem Psalm entwickelt, der am Ende eines vollzogenen Ehebruchs geschrieben wurde. Nicht umsonst ist Psalm 51 einer der Bekanntesten. Denn welche Schuld könnte skandalöser, intimer und schamvoller sein, als ausgerechnet dieser Berühmteste aller Ehebrüche? Die meisten von uns lesen in sehr ähnlicher Weise den Text: „Ja, Gott sei es gedankt! So etwas Übles wie König David habe ich nie getan! Ich habe keinen Mann töten lassen, um seine Frau für mich zu nehmen. Durch Mord und Ehebruch gleich zwei der zehn heiligen Gebote gebrochen! Nein, so schlimm bin ich nicht. Wenn David sich also erdreistet, Gott dafür um Vergebung zu bitten, kann ich es mit meinen kleinen Fehlern erst recht tun!“
Doch Vorsicht! Hat nicht Jesus einmal von jenem Pharisäer erzählt, der in der Synagoge stand und zu Gott betete: „Danke, dass ich nicht so schlimm bin wie dieser Zöllner!“ Und der Zöllner schlug sich an die Brust, bat: „Sei mir Sünder gnädig!“ und ging nach Hause. [siehe Lukas 18, 9 – 14] Ohja, wir wollen alle wie dieser Zöllner sein. Demütig und mit offenem Auge für die eigenen Fehler. Bußfertig wollen wir sein als waschechte, fromme Christen. Das steht uns gut, das ist heilig. Aber wer ehrlich ist, der gibt zu, dass er ganz sicher schon die oben genannten Gedanken zu Davids Psalm hatte. „Ich nicht! Ich bin nicht so schlimm wie David! Gott sei Dank! Noch einmal davon gekommen!“
Woran liegt es, dass wir sein wollen wie der demütige Zöllner, aber doch so hart über David urteilen? Wir vergleichen, wir wägen ab. Deine Sünde ist größer als meine. Ich bin besser als du. Leise, leise schleichen sich diese Gedanken ein. Dieser „schiefen Theologie“ wird oft mit dem Argument begegnet: Für Gott wiegen alle Sünden gleich schwer, Sünde ist Sünde. Dann nicken wir und sagen uns: das ist richtig. Trotzdem lesen wir Psalm 51 weiterhin mit einem Gefühl der Erleichterung. Noch einmal davon gekommen. So schlimm ist es nicht mit mir. Was also fehlt uns?
Ich denke, es ist weniger das Verständnis darüber, dass Falsches immer falsch ist, egal wie viel oder wie wenig man davon tut. Jeder weiß das. Der eigentliche Grund, warum wir vergleichen und uns selbst besser stellen, ist ein Verständnismangel ganz anderer Art. Wir haben nicht verstanden, dass Gott nicht nur jeden Menschen als gleich schuldig und fehlerbehaftet sieht. („Wir sind alle kleine Sünderlein…“) Nein, der entscheidende Punkt ist, dass Gott allen Menschen auf die gleiche Weise gnädig ist. Seine Barmherzigkeit ist für jeden dieselbe. Ob es deine letzte, feige Lüge in einer unangenehmen Situation ist oder ob du König David heißt, einen Mann umbringen lässt und dir seine Frau raubst. Gott ist dir und ihm gleich gnädig. Die Vergebung unterscheidet nicht. Das ist es, was uns eigentlich stört. Der andere, der so viel schlimmer ist als ich, hat doch harte Strafe verdient!
Doch täuschen wir uns nicht! Ehe ein Mensch zur Buße kommt und erkennt, dass er falsch gehandelt hat, muss oft ein weiter Weg gegangen werden. Sicher, Gott ist barmherzig und vergibt. Das glauben wir Christen von ganzem Herzen, wenn wir auf Jesus schauen. Doch dass die Schuld vergeben ist, bedeutet nicht, dass sie nicht weh tut. Es bedeutet nicht, dass sie keine Folgen hat, mit denen wir und andere leben müssen. Genau das ist es auch, wofür wir die Gnade und Barmherzigkeit Gottes am dringendsten benötigen. Wir benötigen sie, damit wir mit uns selbst und mit den anderen leben können, trotz aller Schwachheiten, Nachlässigkeiten, Fehler und Bösartigkeiten.
Davids Psalm lehrt es uns. Nie hat ein Sünder mit tieferer Stimme gesungen. Die Schuld drückt und zerreißt den König und er bittet um Vergebung, Wiederherstellung und ja, neue Freude. Er fühlt sich zerbrochen, der große König der Israeliten. Sein Fehler hat ihn innerlich zerschmettert und er hat auch seine Königsherrschaft bedroht, seine Familie, ja das ganze Volk, für das er verantwortlich ist. Wir lesen den Psalm, denken an den Ehebruch und haben eine halb romantische Geschichte im Kopf. Gott vergibt, alles ist gut. Doch die verbotene Beziehung zu der Frau des Uria hatte ungeahnte Folgen, die auch nach dem Gebet Davids um Vergebung lange zum Tragen gekommen sind.
Davids Umgang mit Frauen, dass er sich die nahm, die er gerade wollte, war ein ungutes Vorbild für seine Söhne. Sein ältester Sohn vergewaltigte eine seiner Halbschwestern. Deren Bruder tötete wiederum den Übeltäter. David konnte mit dieser Situation so schlecht umgehen, dass er den Sohn, der den anderen getötet hatte, nur noch mehr erbitterte. Absalom hieß der Mann und wir wissen, dass er später versuchte, seinen eigenen Vater vom Thron zu stürzen. Das bedeutete sozusagen „Bürgerkrieg“, Krieg unter Brüdern, Israel gegen Israel. Doch das war noch nicht alles. Um Uria, den Mann der Batseba, mit der David unbedingt umgehen wollte, zu beseitigen, benutzte der König seinen Heerführer Joab. Er beauftragte den Mann damit, den Uria genau dort zum Kampf aufzustellen, wo er mit Sicherheit getötet werden würde. Joab war ein sehr loyaler Mann und tat, was der König wünschte, doch wer die Geschichte genauer liest, der erkennt Ungereimtheiten. Der Heeroberste Joab sollte auch die Männer hinter Uria vom Kampf abziehen, damit der Tod für einen Einzelnen sicher eintritt. Das hat er nicht getan. Stattdessen mussten neben Uria noch andere Männer ihr Leben lassen. Hat Joab nur zur Hälfte gewusst, was geschah? Hat er den Rest geahnt und war ihm dieser Auftrag zuwider? Genau wissen wir es nicht. Sicher ist nur, dass Joab am Ende seines Lebens nicht damit einverstanden war, dass Salomo, ein Sohn von David und Batseba, der neue König wird. Auch ein alter Priester, der bis dahin immer treu zu David gehalten hatte, lehnte sich dagegen auf. Joab und der Priester hatten nicht begriffen, dass Gott dem David barmherzig war. [Nachzulesen ist der gesamte Verlauf in den Büchern: 2. Samuel, 1. Könige und 1. Chronik]
Auch wir begreifen oft nicht, dass Gott barmherzig ist und verursachen damit nur umso mehr Schmerzen und Groll und Unfrieden. Was Psalm 51 uns mitteilt ist nicht nur ein Bußgebet, das wir zu unserer eigenen, frommen Übung machen können, wenn wir wieder einmal nicht den ganz geraden Weg gegangen sind. Psalm 51 lehrt uns die Tiefe der Barmherzigkeit Gottes, die allen Menschen gilt, die sich ihm mit offenem Herzen nähern und erkennen, dass die falschen Dinge, die sie getan haben, wirklich falsch sind. Es benötigt einen inneren Zerbruch, einen Weg des Leidens, um zu erkennen, dass man Barmherzigkeit nötig hat. Wer das erkennt und wer glaubt, dass es tatsächlich Barmherzigkeit gibt, der nähert sich Gott wie David es getan hat. Offen und mit Vertrauen, ohne Vergleiche zu ziehen. „Ich bin es und ich erkenne, dass ich falsch gehandelt habe. Vergib mir und hilf mir, damit zu leben, Gott!“
Darum betet David auch nicht nur um Vergebung seiner Sünde, sondern er weitet den Blick:
„Lass mich Fröhlichkeit und Freude hören, so werden die Gebeine jauchzen, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, und tilge alle meine Schuld!
Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen festen Geist!
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und den Geist deiner Heiligkeit nimm nicht von mir!
Lass mir wiederkehren die Freude deines Heils, und stütze mich mit einem willigen Geist!“
[Psalm 51, Verse 10 bis 14]
David geht durch den ganzen Zerbruch, den sein falsches Handeln verursacht hat. Er sucht die Nähe Gottes und verlässt sich auf seine Barmherzigkeit. Im Vertrauen darauf richtet er schon den Blick auf die Zukunft und bittet darum, es besser zu machen, fest zu bleiben, wieder Freude und Unbefangenheit empfinden und leben zu können. Das kann auch unser ganz persönlicher Weg sein. Wir wenden uns von dem Üblen ab, suchen Gott und gelangen so wieder zu einer echten Freude. Auch wenn die Folgen unseres Handelns das Gebet vielleicht noch überdauern mögen, finden wir in Gottes Gnade und Barmherzigkeit, die alle gleich behandelt, die Kraft, die wir nötig haben, um den Weg mit Freude bis zu Ende zu gehen.

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