Zwischen Blindheit und Tod

Aus Johannes 10:

1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirte der Schafe.
3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft die eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.
4 Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.
5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
[…]
11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
[…]
17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen.
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.
[…]
25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir;
26 aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe.
27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;
28 und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.
29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben.
30 Ich und der Vater sind eins.

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Das 10. Kapitel aus dem Johannesevangelium ist für viele Christen eine tiefe Quelle des Trostes und Zuspruchs. Nirgendwo sonst scheint uns die Stimme Jesu so nahe und fürsorgend zu sein wie hier. Nirgendwo sonst erhebt Jesus aber auch so deutlich und klar den Anspruch Gottes Sohn zu sein. Es ist eine der vielen Besonderheiten des Johannes-Evangeliums, dass es von Wort zu Wort auf einen Höhepunkt dieser Offenbarung hin arbeitet. Alles Tun und Reden Jesu soll hier deutlich machen, dass Er der verheißene Messias, der Sohn Gottes ist.
In den Kapiteln 9 bis 11 werden wir vor die endgültige Wahl gestellt. Wer Jesus nicht als Gottessohn sehen kann und will, der wird spätestens hier das Johannes-Evangelium noch vor den anderen drei, dagegen eher nüchtern erscheinenden Evangelien, ablehnen. Wer Jesus hingegen als göttlich und von ewigem Ursprung her kennengelernt hat, der fällt hier ganz hinein in den Trost und die Weisheit der Texte. Alles sammelt sich in der Mitte dieses Evangeliums. Man kann nicht ohne Staunen an diesem Höhepunkt vorüberziehen.
Nicht umsonst ist die Rede, das Gleichnis vom Guten Hirten, eine Ermutigung für Generationen von Christen gewesen. Ein Lieblingstext. Ein viel gepredigter Text. Und gerade deshalb lohnt es sich immer wieder neu, den Blick auf dieses Zentrum der Glaubenskraft zu richten. Als Wichtigstes, so scheint mir, sollten wir uns dabei fragen: Wo genau steht die Rede Jesu vom Guten Hirten? In welcher Situation wurde das Gleichnis gesprochen und welche Bedeutung hat es deshalb?
Die Worte des 10. Kapitels liegen zwischen den beiden unmöglichsten und unglaublichsten Wundern, die man sich wohl vorstellen mag. Zuerst lesen wir in Kapitel 9 von der Heilung eines Mannes, der blind geboren wurde. Dann spricht Jesus in Kapitel 10 vom guten Hirten. In Kapitel 11 wird uns die Auferweckung des toten Lazarus geschildert. Das wundervolle Gleichnis vom treu sorgenden und beschützenden Hirten ist eingebettet in zwei eigentlich unaufhebbare Zustände. Noch einmal zur Verdeutlichung: Eine Blindheit, die schon vor der Geburt festgelegt ist und sich nicht erst entwickelt hat, also das völlige Fehlen der Sehfähigkeit von Anfang an. Und ein Mann, der bereits vier Tage tot ist und dessen Körper schon recht wahrnehmbar vom Verwesungsprozess ergriffen ist. Die Unmöglichkeit der Ereignisse wird uns klar vor Augen gemalt.
Jesus also gibt dem Blinden sein Augenlicht. Das ist ein Schöpfungsakt und als solchen macht Jesus ihn auch kenntlich. Er streicht dem Mann nämlich Erde auf die Augen. Ja, hat Gott nicht den ganzen Menschen aus der Erde geformt? Dann kann Gottes Sohn mit der Schöpfungskraft des Vaters auch einem Blinden das Augenlicht neu erschaffen. Jesus offenbart sich hier als der verlängerte Arm Seines Vaters. Der Schöpfungswille, der Geist Gottes ist durch Jesus in dieser Welt sichtbar wirksam. Die Pharisäer und Oberen sehen und erkennen das wohl. Zu genau kennen sie die Schriften, um den Anspruch dieses Wunders irgendwie missdeuten zu können. Allein, sie wollen nicht sehen. Sie wollen blind bleiben.
Und die Auferweckung des Lazarus aus dem Tod und der Verwesung? Sie ist noch so viel unerhörter! Ein deutlicheres Zeichen gibt es nicht. Das ist ein Paukenschlag! Der Sohn Gottes hat die Macht, den Tod umzukehren. Mit dem Zeichen an Seinem Freund Lazarus deutet Er auch voraus auf die eigene Auferstehung. Zuvor hat Er es in Seinem Gleichnis vom Guten Hirten bereits ausgesprochen. – Ich lasse mein Leben und ich nehme es wieder auf. – Mit Lazarus setzt Jesus das Siegel der Tat auf seine Worte.
Nach der Rede vom Hirten und den Schafen wollen ihn die Leute steinigen. Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn das Bild vom Guten Hirten ist nichts Neues. Im Gegenteil ist es sehr, sehr alt. Abraham und seine Nachkommen waren nun einmal Viehhirten. König David hat nun einmal die Schafe seines Vaters gehütet, ehe er überhaupt Kriegsmann und König wurde. Und Psalm 23 klingt uns allen in den Ohren: „Der Herr ist mein Hirte.“ All die Propheten haben dieses Gleichnis bereits vor Jesus verwendet. Israel als die verstreute Schafherde. Und der Hirte? Wer ist der Hirte? Der, der kommen soll. Der Schielo, der Messias, der König Israels. Der Herr selbst.
Was sagt Jesus? „Ich bin der Gute Hirte.“ – Ja, ich bin es, auf den ihr gewartet habt. – Diese Aussage können die Gesetzestreuen nicht hinnehmen. Sie wollen Ihn aufgrund dieses maßlosen Anspruchs zu Tode steinigen. Und wäre nicht Lazarus, sie hätten wohl Recht damit. Auf Gotteslästerung steht nach dem mosaischen Gesetz nun einmal der Steinigungstod. Doch Jesus bestätigt durch Seine Tat an Lazarus die Worte, die er zuvor gesprochen hat. Ein Zeugnis und ein Zeichen. Jetzt also können die Oberen nichts mehr gegen diesen Jesus tun. Zumindest nicht öffentlich. Wenn sie den Mann nicht zu Tode bringen, dann wird das Volk an Ihm hängen und Ihm folgen, diesem Hirten, dessen Stimme und Taten sie als wahrhaftig erkannt haben.
Den Rest der Geschichte kennen wir, wie die Pharisäer und Oberen die Römer benutzten, um Jesus ans Kreuz zu bringen. Das Volk, das die Stimme seines Hirten erkannt hat, zerstreut sich, als der Hirte erschlagen ist. Wie Schafe es nun einmal tun. Als Jesus aufersteht, sammeln sie sich wieder neu, Seine Jünger, Seine kleine Herde, Seine Schafe. Sie erkennen die Stimme ihres Hirten wieder und sie laufen Ihm hinterher, wie Schafe es nun einmal tun.
Doch Vorsicht! Schafe sind keine dummen Tiere wie immer behauptet wird. Wer die Gelegenheit hat, der sollte sich einmal eine weidende und lagernde Schafherde betrachten und sich ihr nähern. Heutzutage werden die Schäfchen eher eingepfercht und weniger hin und her getrieben. Doch man braucht nur einmal etwas näher an den Zaun zu treten. Dann werden die faulen, in der Sonne liegenden Schafe sich erheben und langsam, kaum merklich vom Zaun wegrücken. Erst recht, wenn man auch noch den Mund öffnet und etwas sagt. Sie kennen diese Menschen am Zaun nicht. Nicht ihre Stimme. Schafe folgen eben nicht jedem Mann blind, nur demjenigen, dem sie gehören und dessen Hand und Stimme sie gewöhnt sind.
Und ein Zweites ist entscheidend. Seit jeher sind Schafherden auch ein Bild für tumbe, romantische Friedfertigkeit. Wie sie so bequem und blökend beieinander stehen und liegen. Tja, sie wirken schon etwas dämlich auf die Welt. Ganz niedlich vielleicht, aber auch ein bisschen dämlich in ihrer wolligen Sanftmut. Aber sie wissen genau, wer ihr Hirte ist und dem gehen sie nach. Und sie schenken sich gegenseitig Zuwendung und Wärme.
Das ist das Kennzeichen eines Christen, eines Christus-Nachfolgers, bis heute. Er ist friedlich und sanftmütig, lagert sicher bei den anderen „Schafen“ und folgt dem Guten Hirten Jesus. Jesus ist freilich ein Hirte, der Blinde sehend macht, Tote auferweckt und Sein eigenes Leben für jedes Seiner Schafe gibt. Christen sind genauso wenig dumm wie Schafe dumm sind. Sie wissen, wem sie folgen und warum. Deshalb ist Johannes 10 ein so großer Trost und Reichtum. Ein Bild voller Kraft und Bedeutung, dessen Tiefe wir immer wieder neu ausloten sollten.

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