Die Frage der Zugehörigkeit

(Gedanken zum Leib Jesu, zu 1. Korinther 12, 12 – 27)

12 Denn wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl viele, ein Leib sind: so auch der Christus.

13 Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.

[…]

15 Wenn der Fuß spräche: Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leib; gehört er deswegen nicht zum Leib?

16 Und wenn das Ohr spräche: Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leib; gehört es deswegen nicht zum Leib?

[…]

21 Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht; oder wieder das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht.

[…]

27 Ihr aber seid Christi Leib und, einzeln genommen, Glieder.

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Was ist der Leib Jesu?

Das von Paulus im 1. Korintherbrief wunderbar verdichtete und oft auch humorvolle Bild vom Leib Jesu ist ein immer wiederkehrendes Motiv, das jeden Christen in seinem Glaubensleben begleitet. Es ist großes Thema der Gemeinde, beliebte Lehre, häufiger Predigttext, beständiger Hinweis auf das Miteinander in Bezug auf Jesus Christus. Doch was genau ist der Leib Jesu, von dem hier die Rede ist? Unsere Vorstellungen davon sind häufig verschwommen, gerade weil der Begriff für einen gläubigen Christen so selbstverständlich ist.

Der Leib Jesu ist zunächst einmal tatsächlich der Körper von Jesus, der auf dieser Erde gewesen ist. Der Körper, der von Maria geboren wurde, in Windeln gewickelt und gehegt und großgezogen. Der Körper, der das Handwerk des Josef gelernt hat, mit Holz zu arbeiten und nützliche Dinge herzustellen, um das tägliche Brot zu verdienen. Der Körper, der gegessen und Wein getrunken hat. Der Körper, der drei Jahre umhergewandert ist, in einem Boot geschlafen hat und von allen Seiten bedrängt wurde. Der Körper, der geschlagen und getötet wurde und zu Grab gelegt wurde. Der Körper, der lebte, atmete und starb. Das ist uns unglaublich nahe und es ist der Grund, weshalb wir uns von Jesus als unserem Herrn und Freund verstanden fühlen dürfen. Es gibt nichts, was er nicht auch erlebt hätte. Das ganz normale Leben und Leiden.

Der Leib Jesu ist aber noch mehr für uns Gläubige. Es ist der Leib, der eben nicht verwest ist wie jeder andere Leib. Das ist der Kern und ein Ärgernis und eine Narrheit in den Augen Vieler, dass wir ernsthaft und mit Gewissheit glauben, dass der Leib Jesu auferweckt wurde und nach drei Tagen wieder lebendig umherging, aß, atmete, redete, den Jüngern sichtbar begegnete. Dieser Leib ist schon ein ganz anderer Leib. Er ist „verherrlicht“, wie es in der Schrift heißt. Er untersteht nicht mehr den Gesetzen des Werdens und Vergehens wie unser Leib sie durchleben muss. Es ist der Leib, der entrückt wurde. Er ist das Zeichen und Zeugnis dafür, dass der Tod besiegt ist und auch in uns besiegt werden kann. Er ist das Vorbild. Das, was uns noch bevorsteht.

Im Römerbrief schreibt Paulus, dass wir durch die Taufe mit Jesu Tod und Auferstehung eins geworden sind. In das Wasser hinein – der Tod und das Sterben, die Sünde wird ertränkt. Aus dem Wasser heraus – der neue Mensch in Jesus kommt herauf, steht auf und lebt ein ganz neues Leben. Davon ist in dem vorliegenden Text aus 1. Korinther ebenfalls die Rede. Wir sind getauft und wir glauben und deshalb gehören wir zum Leib Jesu. Wir sind eins mit ihm, mit seinem Leib – und zwar mit dem Leib, der auferstanden und zum Himmel gefahren ist. Der Leib, der Tod und Sünde bereits besiegt und überwunden hat.

Darum wird schließlich auch die gesamte Gemeinde der Gläubigen „Leib Jesu“ genannt – weil jeder Einzelne von ihnen glaubt und getauft ist. Jeder hat sich eins gemacht mit Jesus, mit seinem Auferstehungs-Leib. Darum sind wir alle zusammen dieser eine Leib. Jeder ein Glied des ganzen Körpers. Das ist der Vergleich, das Bild und die Wahrheit, die Paulus hier so dicht zeichnet. Indem wir zusammen kommen und als Gemeinde, als Leib Jesu, Brot und Wein – ein Bild für Fleisch und Blut Jesu – zu uns nehmen, machen wir uns wieder und wieder eins mit dem Sterben und Leben unseres Herrn. Das ist es, was wir gemeinsam verkünden und glauben. Das ist es, was wir SIND. Wir SIND der Leib Jesu. Es ist eine tiefe Wahrheit, die sich wohl nie ganz erfassen lässt, die wir oft nur staunend und kindlich glaubend in uns aufnehmen können, aber nie ganz erklären. Man muss es erfahren, Teil des Leibes zu sein. Man muss es leben.

Der Ort des Textes

Die Worte über den Leib Jesu, der die Gemeinde der Gläubigen ist, sind eingebettet in zwei andere Texte, die noch einmal verdeutlichen, welche Größe es hat, Leib Jesu zu sein. Im Vorfeld geht es um die verschiedenen Gaben, die der Geist Gottes den einzelnen Gliedern der Gemeinde schenkt. Jeder hat eine andere Gabe und Aufgabe, eine andere Fähigkeit und Funktion (Verse 1 bis 11).

Dann folgt der bisweilen schon recht ulkige Vergleich des Paulus mit dem menschlichen Leib, der verschiedene Teile mit verschiedenen Aufgaben hat. Man stelle es sich wirklich einmal bildlich vor: Ein Körper, der komplett aus Augen besteht… Ich muss immer auch etwas schmunzeln an dieser Stelle. Paulus beweist Humor und macht uns verständlich: ohne einander geht es nicht! Wir sind aufeinander angewiesen. Das Auge wird nichts sehen von der Welt, wenn die Füße es nicht überall hin tragen und die Füße werden nicht geradeaus gehen können, wenn sie nicht von den Augen geleitet werden.

Wieder schließt Paulus damit ab, dass in der Gemeinde jeder seine bestimmte Aufgabe hat. Doch dann wendet er sich einem ganz anderen Thema zu. Er zeigt in Kapitel 13 den Weg „darüber hinaus“ auf. Es folgt das Hohelied der Liebe. Die Liebe ist es, die diesen Leib zusammenhält und an der es oft mangelt. Aus Mangel an Liebe kommt es zu zwei folgenschweren Irrtümern, die in den Versen 15 bis 21 geschildert werden.

Die zwei Irrtümer

Von zwei Seiten kann der Gläubige „vom Pferd fallen“ wie man so schön sagt. Es heißt in Vers 15: „Wenn der Fuß spräche: Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leib; gehört er deswegen nicht zum Leib?“

Das ist die erste Möglichkeit des Fehlgehens. Wenn ich auf mich selbst schaue und sage: ich passe nicht zu den anderen, ich bin mehr wert als sie oder ich bin weniger wert als sie oder ich werde lieber für mich selbst glauben – dann werde ich in mir selbst verkümmern. Ein Fuß, den man abschlägt, der wird verfaulen und vergehen. Er ist zu nichts nütze. Ebenso ist der Gläubige auf die Stärkung und Ermutigung durch die anderen Gläubigen angewiesen. Er ist darauf angewiesen, ergänzt zu werden. Wie oft haben wir uns wohl schon bei dem Gedanken ertappt, dass wir nicht zu unserer Umgebung passen? Wer glaubt und getauft ist, der passt in jedem Fall zu Jesus, der gehört zu Seinem Leib. Lass dich nicht entmutigen, wenn du denkst, dass einer von den Anderen dich schief ansieht. Du gehörst dazu! Und lass dich nicht verleiten zu denken, dass du klüger und besser bist als alle anderen. Du bist angewiesen darauf, von den Anderen festgehalten zu werden. Auch die Fehler der Anderen dienen dir zum Guten. Zu Geduld und all den anderen Dingen, die uns als Früchte des Geistes aufgezählt werden. Der Weg dahin ist oft unbequem. Andere sind oft unbequem. Aber du gehörst dazu! Wenn dein Ohr juckt, wirst du es nicht abschneiden (es sei denn, du heißt van Gogh).

Der andere Fehler liegt darin, dass wir zu sehr auf den Anderen schauen und meinen, er oder sie passe nicht ganz in den Leib Jesu. „Nein! Du gehörst nicht zu uns! Du bist nicht vom Leib Jesu! Deine Haare sind nicht richtig geschnitten, deine Kleidung ist seltsam, dein Blick ist fremd, dein Benehmen ist mir unheimlich, darum kannst du nicht dazu gehören!“ All solche Gedanken sind immer und immer falsch. Wer glaubt und getauft ist, gehört dazu. Ich habe kein Recht zu sagen, dass ein anderer nicht zum Leib Jesu gehört. Mein Job ist nicht, Richter zu sein. Mein Job ist es, ein Glied am Leib zu sein. Fuß oder Hand oder Auge oder was auch immer mir Gott an Gaben, Befähigungen und Beschäftigungen im Leib Jesu zugeteilt hat. Der Geist Gottes verteilt die Aufgaben und Plätze, nicht ich.

Also:

Sag nicht: „Ich bin kein Teil des Leibes.“ Oder: „Du bist kein Teil des Leibes.“

Die richtige Haltung

All das ist sicher sehr allgemein gehalten und hier ist auch nicht die Rede von Dingen wie offensichtliche Missstände und missbräuchliche Situationen, die es ganz sicher in manch einer Ortsgemeinde gab und gibt. Es gibt Orte, die sollte man ganz sicher verlassen. Den Leib Jesu kann man nicht verlassen. Es geht einzig und allein darum, was das Wort Gottes sagt und wie ich dazu stehe. Wie ich zum Leib Jesu stehe. Sehe ich mich als Teil des Ganzen? Kann ich es ertragen und erdulden, dass der Andere genauso dazugehört?

Es geht nicht um Harmonie und darum, mit jeder Nase sofort innige Freundschaft zu knüpfen. Die Hand wird nicht nach unten wandern und plötzlich am Knie festwachsen, weil sie es in der Nähe des Fußes so kuschlig findet. Jeder hat seinen Platz, emotionale Nähe ist etwas Gutes und Schönes, doch sie ist keine Bedingung dafür, Teil am Leib Jesu zu sein. Der Leib Jesu ist mehr als Gefühl und Wohlbefinden. Er ist etwas Übernatürliches, was ich nicht immer voll erfassen kann. Etwas, das ich nach und nach erfahren und begreifen muss. Etwas, das ich glauben muss.

Der Leib Jesu ist ein Ideal, ein Vorbild, etwas Geistliches, dessen Realität ich nicht unbedingt mit Händen greifen kann. Es ist etwas, das ich in Jesus selbst leben muss, damit es sichtbar wird und anderen zeigt, was Gottes Liebe und Vergebung konkret bedeuten.

Sehr passend ausgedrückt habe ich es letztens in einem Buch gefunden, das ich hier zum Abschluss zitieren möchte:

„Der mystische Leib Christi nimmt keine theatralische Haltung an und ist nur auf seine Würde bedacht. Leiden und Ungerechtigkeit akzeptiert er. Beim ersten Anzeichen von Reue ist er bereit zu vergeben. […] Quantität tut nichts zur Sache. Wenn nur eine einzige Seele gerettet werden konnte, rechtfertigt das jeden Verlust an Gesicht.“ (Zitat aus dem Brief von Mr. Crouchback an seinen Sohn Guy Crouchback im Roman „Ohne Furcht und Tadel“ vom britischen Schriftsteller Evelyn Waugh, S. 674)

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