Der Ostwind

Skizze

Es gibt unterschiedlichste Arten, wie man an die Schriften der Bibel herangehen kann, um sie zu verstehen und auszulegen. Grundsätzlich wird aber jeder, der mit der Erklärung irgendwelcher Texte zu tun hat, irgendwann feststellen, dass es klug ist, nahe an dem zu bleiben, was aufgeschrieben ist, um es von innen heraus nachzuvollziehen. Das gilt für jedes Wort, nicht nur für eines aus der Bibel. Je weiter weg man die Quellen zur Erklärung sucht, desto leichter wird es, sich zu verirren. Ein bösartiger Wille kann ALLES in JEDEN Text hineinlesen. Darum mag ich den Grundsatz „Die Schrift legt sich selbst aus“. Das bedeutet nicht, dass man kein Wissen und keine Erkenntnisse von außerhalb herantragen darf, um die Bibel zu verstehen. Schließlich sind die Texte zu einer ganz anderen Zeit und unter ganz anderen Bedingungen niedergeschrieben worden als heute.

Doch tieferer Sinn und Bedeutung werden sich stets dann aufschließen, wenn man sich mitten in den Versen befindet und um sich schaut. Es ist wie ein Garten mit unterschiedlichen Blüten und Früchten. Vieles wiederholt sich, wir erkennen es wieder an Geruch und Geschmack im Lauf der Jahreszeiten. Doch gleichzeitig ist jeder Zweig und jedes Blatt einzigartig und kann neu entdeckt werden. Ein Garten ist kein Acker, dessen Reihen man gleichmäßig zieht und dessen Ordnung nichts Anderes zulässt als nur ein und dieselbe Frucht. Die Bibel ist mehr wie ein Garten, ja wie der Garten Eden selbst, in dem man den Schatten Gottes hinter den Bäumen wandeln sieht, wenn man genau hinschaut. Er ist ein Ort der Mühe und Ruhe zugleich, ein Ort der Dornen und der schönen Blüten, ein Ort der Gegensätze und doch ein Ganzes, das den Schöpfer wiederspiegelt.

Wenn man auf den Pfaden des Gartens geht bzw. durch die einzelnen Bücher, Kapitel und Verse der Bibel streift, muss man die Augen offen halten. Wo habe ich das schon einmal gesehen? Woran erinnert es mich? Sagt es mir etwas? Dabei kann man sehr schöne und tröstliche Dinge entdecken oder einfach nur etwas vom Wesen der Schriften und vom Wesen dessen, der hinter den Schriften steht.

Als ich letztens durch meinen Garten (also durch meine Bibel) ging, wehte mir ein kräftiger Ostwind entgegen. Hier sind einige der Verse, die man dazu finden kann:

  1. Mose 41,27: Und die sieben mageren und hässlichen Kühe, die nach ihnen heraufstiegen, auch sie sind sieben Jahre, so auch die sieben leeren, vom Ostwind versengten Ähren: Es werden sieben Jahre der Hungersnot sein.
  2. Mose 10,13:Und Mose streckte seinen Stab über das Land Ägypten aus; da trieb der HERR jenen ganzen Tag und die ganze Nacht einen Ostwind ins Land; und als es Morgen geworden war, hatte der Ostwind die Heuschrecken herbeigetragen.
  3. Mose 14,21:Und Mose streckte seine Hand über das Meer aus, und der HERR ließ das Meer die ganze Nacht durch einen starken Ostwind zurückweichen und machte so das Meer zum trockenen Land, und das Wasser teilte sich.

Jesaja 37,27: Und ihre Bewohner waren machtlos, sie wurden schreckerfüllt und zuschanden. Sie waren wie Kraut des Feldes und grünes Gras, wie Gras auf den Dächern, das vor dem Ostwind verdorrt.

Hesekiel 17,10: Und siehe, ist er auch gepflanzt, wird er gedeihen? Wird er nicht, sobald der Ostwind ihn berührt, ganz verdorren? Auf dem Beet, auf dem er sprosste, wird er verdorren.

Hosea 13,15: Denn er trennt zwischen Brüdern. Wie ein Ostwind wird der Feind kommen, ein Wind des HERRN, der aus der Wüste steigt. Dann trocknet sein Brunnen aus, und seine Quelle versiegt. Er plündert den Schatz, alles kostbare Gerät.

Der Ostwind ist ein Wind, den es tatsächlich gibt. Wer sich ein wenig mit Wetterverhältnissen und Windsystemen auskennt, der weiß, dass ein Ostwind in der Gegend des Mittelmeeres stets recht trocken und heiß ist. In den Büchern der Bibel ist es ein gefürchteter Wind und der Wind, der am häufigsten erwähnt wird (In der Elberfelder Übersetzung: 21 x Ostwind, 3 x Nordwind, 7 x Südwind, 1 x Westwind). Ein Wind aus Osten bezeichnet einen herannahenden Feind, eine Dürre oder ganz allgemein eine Bedrohung, ja oft ist der Ostwind Zeichen für ein göttliches Richten. Von ihm reden die Propheten, wenn es darum geht, das Volk Israel zu warnen und zu ermahnen: – Habt Acht, dass ihr die Gebote haltet und eurem Gott treu seid, sonst kommen die Winde und die „Söhne des Ostens“ und sie bringen Hunger und Krieg. –

Ein Westwind bringt häufig Sturm, ein Nordwind Kälte. Das sind die gnädigen Winde, die auch Regen bringen, getränkt vom Wasser des Mittelmeeres. Regen bringt Fruchtbarkeit und satte Nahrung. Der Südwind bringt schöneres Wetter, dass die Früchte reifen können. Warum aber ist so wenig von diesen Wetterlagen die Rede und so häufig von jenem bedrohlichen Ostwind? Er ist eine Mahnung, ein beständiges Gedächtnis an Israels Herkunft und Vergangenheit.

Der erste Ostwind in der Schrift brachte dem Josef, Sohn Jakobs, große Ehre ein. Er, der Hebräer, wurde nach dem Pharao erster Mann im Staate und rettete ganz Ägypten und seine eigene Familie durch Umsicht und kluge Planung vor dem Hunger, den die vom Ostwind gebrachte Dürre verursacht hatte. (Siehe 1. Mose 41ff) In Ägypten, nach diesem siebenjährigen Ostwind, wurde Israel zu einem großen Volk.

Der nächste Ostwind führte das Volk Israel wieder aus Ägypten heraus. Er wehte über das Schilfmeer und zerteilte es, damit sie sicher an das andere Ufer gelangten. (Siehe 2. Mose 10, 13ff) Doch der Ostwind war nicht eigentlich für die Nachkommen Jakobs bestimmt. Es ist nicht nur ihre Geschichte. Der Ostwind war für die Ägypter bestimmt. Er war Gericht und Offenbarung Gottes nicht nur für ein einziges Volk. So heißt es in 2. Mose 14, 17b – 18: „Und ich will mich verherrlichen am Pharao und an seiner ganzen Heeresmacht, an seinen Streitwagen und Reitern. Dann sollen die Ägypter erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich mich am Pharao, an seinen Wagen und Männern verherrlicht habe.“

Der Ostwind hat den Ägyptern die Söhne Israels gebracht und sie ihnen wieder genommen. Der Ostwind hat Mühe und Tod über die Ägypter gebracht, ein Gericht Gottes, in dem sie die Macht Gottes erkennen sollten, die sie über 430 Jahre lang missachtet hatten (denn so lange wohnte Israel im Land Goschen bei den Ägyptern). War ein solch hartes Gericht aber wirklich nötig? Hatten die Ägypter das verdient? Vielleicht. Wenn wir die Geschichte der zehn Plagen verfolgen, die über das Ägyptische Volk hereinbrechen, dann kommt es weniger auf die schrecklichen Zeichen und Naturkatastrophen an, die uns dort geschildert werden. Es geht vielmehr um das Verhalten des Pharao, der Obersten und des Volkes von Ägypten. Wie gehen sie mit der Gewalt um, die sie trifft? Wie verhalten sie sich? Wir wissen, dass der Pharao bis zum Schluss darauf beharrt, Israel im Land zu behalten. Dabei ist dieses Volk wirklich nicht sein Eigentum – nicht einmal nach damaligem Recht hat er auch nur eine Seele als Sklave erworben. Im Gegenteil, die Israeliten wohnten wie von Anfang an als Viehhirten im Landstrich Goschen – getrennt vom übrigen Volk. Sie waren für sich.

Nach und nach ändert sich das Verhalten der Menschen. Die Oberen beginnen, den Pharao zu warnen (2. Mose 10, 7), die Wahrsagepriester ziehen sich zurück und geben zu, dass da eine höhere Macht am Werke ist, der sie nicht die Stirn bieten können (2. Mose 8, 15). Als Hagel angedroht wird, holen viele der Ägypter ihre Angehörigen und ihr Vieh ins Haus – sie überleben das Unwetter (2. Mose 9, 20). Das Volk selbst bittet schließlich, dass die Israeliten doch gehen mögen. Sie haben Angst, sie geben ihnen noch Opfergaben mit wie eine Art Bezahlung (2. Mose 11, 1 ff). Manche von ihnen schließen sich Israel sogar an und sie halten das erste Passah mit ihnen und begleiten sie zum Schilfmeer (2. Mose 12, 36).

Es geht ganz und gar nicht darum, ein Volk zu verdammen und ein anderes zu erhöhen. Der bedrohliche Ostwind ist ein Zeichen für alle, die es sehen wollen, ob sie Ägypter oder Israeliten sind. Und so bleibt der Ostwind in der Schrift bis hin zu den Propheten ein Wort der Ermahnung: – Werdet nicht wie der Pharao und sein Heer und verschließt euer Herz nicht gegen Warnungen und Zeichen Gottes! Lauscht auf den Ostwind, der euch zu vertrocknen droht und seht zu, dass ihr vor dem Ostwind hergeht wie das Volk Israel durch das Schilfmeer gezogen ist. Bleibt nicht hinter der Wolke, halsstarrig und geblendet bis zu eurem Untergang! –

Der Ostwind erinnert also stets an die Geschichte des Auszuges aus Ägypten. Das schwingt in allen Prophetenworten mit. Auch der Prophet Jona sitzt trotzig vor Ninive und wird von Gott ermahnt.

Jona 4,8:  „Und es geschah, als die Sonne aufging, da bestellte Gott einen sengenden Ostwind, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, so dass er ermattet niedersank. Und er wünschte, dass seine Seele stürbe, und sagte: Es ist besser, dass ich sterbe, als dass ich lebe!“

Jona war beleidigt, weil das Volk von Ninive Buße getan hatte, anstatt weiter Böses zu tun und deshalb von Gott vernichtet zu werden wie Jona es ihnen angekündigt hatte. Gott ermahnt seinen Diener durch den Ostwind. Ja, Jona, auch dein Leben ist nur ein Hauch und dein Stolz rettet dich nicht, wenn der Ostwind weht. Gott ließ in seiner Gnade einen Baum aufschießen, der Jona Schatten spendete. Dann wieder ließ er den Baum verdorren, unter dem Jona saß, und der heiße Ostwind plagt den Propheten hart.

Gott lehrt ihn daraufhin das Folgende:  „Und der HERR sprach: Du bist betrübt wegen des Rizinus, um den du dich nicht gemüht und den du nicht großgezogen hast, der als Sohn einer Nacht entstand und als Sohn einer Nacht zugrunde ging. Und ich, ich sollte nicht betrübt sein wegen der großen Stadt Ninive, in der mehr als 120.000 Menschen sind, die nicht unterscheiden können zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und eine Menge Vieh?“ (Jona 4, 10 – 11)

Gott war auch betrübt über die Ägypter, die vom Ostwind vernichtet wurden. Darum hatte er sie durch Mose gewarnt. Gott ist über jeden Menschen betrübt, der sich nicht vor dem Kommen des Ostwindes hütet. Er will nicht vernichten, sondern mahnen und erinnern, um zu bewahren. Das ist es, was mir der Ostwind in der Schrift erzählt, wenn ich in meinem Garten sitze (in meiner Bibel lese) und nach Süden, Westen, Norden und Osten lausche. Wo bin ich der stolze Pharao oder der selbstgerechte Jona, dass ich mich vor dem Ostwind hüten sollte? Wer sich von den leisen Mahnungen entfernt oder auf eigene Gerechtigkeit baut, den wird der Ostwind vertrocknen. Wer aufmerksam lauscht und es sich zu Herzen nimmt, dessen Lebensgarten wird nicht vertrocknen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s