Durst und Sehnsucht

Psalm 63

1 Ein Psalm. Von David. Als er in der Wüste Juda war.

2 Gott, mein Gott bist du; nach dir suche ich. Es dürstet nach dir meine Seele, nach dir schmachtet mein Fleisch in einem dürren und erschöpften Land ohne Wasser.

3 So schaue ich im Heiligtum nach dir, um deine Macht und deine Herrlichkeit zu sehen.

4 Denn deine Gnade ist besser als Leben; meine Lippen werden dich rühmen.

5 So werde ich dich preisen während meines Lebens, meine Hände in deinem Namen aufheben.

6 Wie von Mark und Fett wird meine Seele gesättigt werden, und mit jubelnden Lippen wird mein Mund loben,

7 wenn ich deiner gedenke auf meinem Lager, über dich nachdenke in den Nachtwachen.

8 Denn du bist mir zur Hilfe geworden, und im Schatten deiner Flügel kann ich jubeln.

9 Meine Seele hängt an dir, deine Rechte hält mich aufrecht.

10 Jene aber, die mir zum Verderben nach meinem Leben trachten, werden in die Tiefen der Erde hinsinken.

11 Man wird sie der Gewalt des Schwertes preisgeben, das Teil der Schakale werden sie sein.

12 Und der König wird sich freuen in Gott; jeder darf sich rühmen, der bei ihm schwört; denn der Mund der Lügenredner wird verstopft werden.

2016-07-07 19.13.11 - Kopie

Durst ist etwas wirklich Faszinierendes, wenn man sich ein wenig mit diesem bedürftigen, selbstverständlichen Gefühl befasst. Denn durstig zu sein ist gar keine so einfache Sache. Wenn mit unserem Körper und in unserer Umgebung alles in bester Ordnung ist, dann wird der Durst uns nur mit einem leichten Kitzeln im Hals daran erinnern, dass es klug und erfrischend wäre, sich der nächstbesten, feuchten Quelle zu nähern. Meist ist das die Flasche Cola im Kühlschrank – oder es ist das teure Luxuswasser in Glasflaschen für diejenigen, die ganz im Bewusstsein ihrer Gesunderhaltung leben. Hin oder her – Durst ist in unserem Land, das voll ist von Flüssen, Bächen, Rinnsalen, Gräben, Teichen, Tümpeln, Seen, Gewässern, Binnenmeeren, Seenplatten, Stauseen, Wasserspeichern und unzähligen Regentonnen in Kleingartenanlagen, absolut kein Problem. Wer hierzulande von quälendem Durst befallen wird, ist meist krank. Diabetiker wissen, dass der Körper dann nach immer mehr und immer mehr Wasser verlangt. Übermäßiger, gierender, alles verschlingender Durst. Auch das Gegenteil ist möglich. Die völlige Abwesenheit von Durst. Der Körper vertrocknet, ohne dass der Mensch es bemerkt. Da nun durstig sein für uns europäische, verwöhnte Gemüter eher mit Krankheit und Ungleichgewicht zu tun hat, gibt es in unserer Sprache kein Wort für den Zustand des „nicht-durstig-seins“. Wir kennen hungrig und satt, aber nicht durstig und… Vor einigen Jahren hat man versucht, das Kunstwort „sitt“ einzuführen, um diese sprachliche Lücke zu füllen. Wirklich erfolgreich war das nicht. Man lächelt heute darüber. Es hat keine Notwendigkeit oder tiefere Bedeutung für uns.

Anders verhält sich das in den südlichen Gefilden dieser Erde. Hier gibt es durchaus Worte, die das Gefühl, nicht mehr durstig zu sein, beschreiben. Und auch das Wort Durst hat einen viel stärkeren und dringlicheren Klang. Wie in unserem Psalm. „Tzama Lecha Nafshi“ נַפְשִׁ֗י לְךָ֨׀ צָמְאָ֬ה – „Meine Seele dürstet nach dir“. Im Dursten steckt hier ein gieriges, verlangendes Sehnen. Es ist etwas Gewaltiges, das den ganzen Menschen ergreift und ihn völlig gefangen hält. Durst kann wahnsinnig machen. Er steigert sich bei extremem Wassermangel zu einer quälenden Folter, die sich der Körper in seiner Not selbst auferlegt. Die Adern verengen sich, das Blut fließt träge. In der Kehle drückt eine unsichtbare Faust alle Fasern zusammen. Die Zunge und der Gaumen scheinen unlösbar miteinander zu verkleben. Aus dem anfänglichen Kitzeln und Ziehen wird ein nicht greifbarer Schmerz der Todesangst. Das ist der Durst, von dem Psalm 63 uns erzählt. Das ist der Durst, den Dawid erlebt hat. Und er hat ihn wirklich erlebt. Oft genug musste er vor Saul in die Wüste Judas im Süden ausweichen. Nur unter großer Mühe wird er seine treuen 400 Männer mit dem Nötigsten an Nahrung und Wasser versorgt haben können. Wie gut, dass Bethlehem, der Ort seiner Heimat, so nahe lag. Aus diesen Zisternen konnte man sicher heimlich schöpfen, um die verborgene Schar Dawids zu tränken. Es gab jedoch immer wieder Zeiten des Mangels. Bis zum Ende ist der Durst etwas, das den König begleitet. Als er längst Jerusalem seinen Königssitz nennen kann und alle 12 Stämme Israels sich ihm als dem rechtmäßigen König anschließen, werden die umliegenden Völker wach. Ein starkes Israel konnten sie nicht dulden. So versuchen die Philister zum zigsten Male einen Überfall, der sie bis vor Jerusalems Tore führt und sie nehmen gar die Stadt Bethlehem ein. Davon und von dem sehnsuchtsvollen Blick Dawids auf seine Heimatstadt und die Wasservorräte seiner Zisternen und Brunnen berichtet uns diese Geschichte:

1. Chronik 11, 15 – 19:

15 Und drei von den dreißig Helden gingen zu dem Felsen hinab, zu David in die Höhle Adullam; und das Heer der Philister lagerte in der Ebene Refaïm.

16 David war aber damals in der Bergfeste, und ein Posten der Philister war damals in Bethlehem.

17 Und David verspürte ein Verlangen und sagte: Wer gibt mir Wasser zu trinken aus der Zisterne in Bethlehem, die im Tor ist?

18 Da drangen die Drei in das Heerlager der Philister ein und schöpften Wasser aus der Zisterne von Bethlehem, die im Tor ist, und nahmen es mit und brachten es zu David. Aber David wollte es nicht trinken, sondern goss es als Trankopfer für den HERRN aus.

19 Und er sagte: Das lasse mein Gott fern von mir sein, dass ich das tue! Sollte ich das Blut dieser Männer trinken, die um ihr Leben hingegangen sind? Denn um ihr Leben haben sie es mir gebracht. Und er wollte es nicht trinken. Das haben die drei Helden getan.

(Zu den Details der Auseinandersetzungen mit den Philistern in Dawids späterer Regierungszeit siehe: Philister in der Ebene Refaïm in 2. Samuel 21 und in 1. Chronik 20)

Die Helden, von denen hier die Rede ist, gehören zu jenen Männern des Königs, die ihn lange und treu begleitet haben. Sie sind seine Leibwache, zum Teil enge Freunde und Vertraute, Männer, die in jeder Schlacht an seiner Seite kämpfen. Sie leben und sterben für ihren König. Sie lieben ihn und würden alles für ihn tun. So weit reicht ihre Treue. So fremd uns diese Art der Hingabe erscheint, so fremd ist uns auch der tödlich-ziehende Durst. Doch Dawids Männer wissen darum. Sie wissen, was Durst und Sehnsucht bedeuten und dass beide Empfindungen sich empfindlich und untrennbar miteinander mischen können. So ziehen sie los, um ihren geliebten König von seinem Sehnen zu heilen, ihn zu trösten. Für sein Wohlbefinden setzen sie ihr Leben ein. Dawid erkennt das wohl und er gibt die ihm angetragene Liebe und Ehre zurück. Er trinkt das Wasser nicht. Er verschüttet es, obwohl ihm das Herz vor Sehnsucht zergeht und ihm die Zunge im Wachen und Warten vor der Schlacht schmerzhaft am Gaumen klebt. Er leidet weiter den Durst. Wasser in einem trockenen Land verschwenderisch auf die Erde zu gießen ist fast so unerhört wie die Tat der drei Helden für ihren König.

Warum wird hier so viel Betonung auf den Durst gelegt? Was hat das mit unserem Psalm 63 zu tun? Ganz einfach. Dawid erhebt mit seinen Worten das Sehnen nach Gott auf die Ebene des leiblichen Durstes nach Wasser. Beides verschmilzt in der Dichtung miteinander und macht uns deutlich: Ebenso quälend und schmerzhaft wie der Durst nach Wasser, ja voll tödlicher Wucht, ist die Sehnsucht nach Gottes Nähe, Gegenwart und Eingreifen. Die Seele ohne Gottes Licht leidet ebensolche Qualen wie der Leib ohne Wasser. Das ist es, was uns Psalm 63 vor Augen stellt. Wenn du dich nach Gott sehnst, nach seinen Zeichen der Gegenwart, nach Gemeinschaft mit ihm in Wort und Gebet, wenn du danach dürstest – ja wenn es manchmal sogar schmerzhaft wird, dann bist du gesund. Durst zu haben, das Verlangen zu haben, gesättigt zu werden, ist normal, völlig in Ordnung. Sorgen brauchst du dir nur zu machen, wenn du niemals durstig danach bist. Dann vertrocknet deine Seele vielleicht, ohne dass du es bemerkst.

Es ist ein Psalm des Trostes, wenn wir mit Dawid spüren, dass es Zeiten im Glauben gibt, die ohne Erfüllung sind und nur voller Sehnen, Hoffen und Dursten nach Gottes gnädigen Fingerzeigen. Zu bedauern ist einzig der Mensch, der keinen Durst empfindet. Denn anders als in den trockensten Gebieten der Erde, die nur alle paar Jahre vom Regen geküsst werden, wird es in Israel wieder Regenzeiten geben. Wird es in deinem Leben Zeiten geben, in denen deine Seele aufatmet, weil sie spürt, dass Gott mitten in Langeweile, Ödnis und Anspannung plötzlich eine Quelle bereitstellt, von der du gierig trinken kannst und im Schatten Gottes selbst darfst du die Augen schließen und friedlich ruhen. Doch erst der Durst danach wird dich dorthin führen. Schäme dich nicht für Durst und Trockenheit. Sei froh, dass deine Seele lebendig ist und nach Erfüllung verlangt.

Unser Gebet zu Psalm 63 ist also ein Zweifaches. Ein Gebet nach Durst. “Schenke mir rechtes, gesundes Verlangen nach deiner Gnade und deinem Heil, mein Gott.“ Und ein Gebet nach Erfüllung. „Stille meinen Durst, mein Gott, meinen Durst nach dir, nach deinem Frieden und deiner Gnade.“ Einzig das Schweigen ist verwerflich, nicht das Verlangen, nicht der spürbare Mangel. Denn nur wo Mangel ist, kann ich bitten und auf meine Bitte hin erhalten.

Und wie die drei Helden für Dawid ihr Leben gewagt haben, damit er seinen leiblichen Durst stillen kann, so haben wir den Christus, der sein Leben gegeben hat, damit der Durst unserer Seele nach Versöhnung und Ruhe gestillt wird.

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