Die Beliebigkeit des neuen Sonnenaufgangs und Totengebeine – Zum Jahreswechsel 2016 / 2017

Jahreslosung 2017: Hesekiel 36, 26 und Atem für das Tal der Totengebeine

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Hesekiel 36, 26 :

Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.

Wir fordern vom Neuen Jahr, dass es besser sein muss als das vorangegangene. Dass die Sorgen weniger werden und kein neuer Kummer kommt. Dass wir nichts verlieren, sondern immer nur neu dazugewinnen. Manche versteigen sich sogar zu archaisch anmutenden Verfluchungen der vergangenen Monate und stellen scheinbar rechtmäßige Ansprüche auf kommendes Glück. Es muss doch eine Verbesserung geben, einen Ausgleich für all das Unschöne und die zahlreichen Leiden in dieser Welt! Die einzelnen Jahre werden personifiziert. „Sch…* 2016! Hau ab!“ „Hallo 2017! Mach es besser!“ Solche Aufforderungen kann man tatsächlich überall lesen. In dieser oder noch weniger charmanter Ausführung.

Wenn nicht an Geschmacklosigkeit, dann leiden wir zumindest an einer verschobenen Perspektive. Denn im Jahreswechsel wird nicht die eine Zeit abgeschnitten und eine neue, völlig davon getrennte Zeitspanne eingesetzt. Der erste Tag des neuen Jahres schließt sich an den letzten Tag des vergangenen Jahres genauso an wie alle anderen Tage in dieser Welt es bereits getan haben. Mit Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Daran ändert weder ein Feuerwerk noch ein bestimmter Alkoholpegel etwas. Enttäuschend, ich weiß. Aber so ist es eben.

Unsere Sichtweise ist nicht nüchtern oder vernünftig, sondern erschreckend kühl und entseelt. Wir teilen die Zeit in Stücke, reißen sie auseinander und bewerten die einzelnen Teile nach dem, was sie uns gegeben oder genommen haben. Wir vergessen dabei, dass die vergehende Zeit niemals gut zu uns endlichen Wesen ist. Sie gibt niemals, sondern sie nimmt alles. Sie vergeht und mit ihr vergehen wir. Das ist der Lauf der irdischen Dinge.

Darum ist der Jahreswechsel auf die Zeit nach Weihnachten verlegt. Das hat Sinn und Bedeutung. Die dunkle Zeit verlässt uns langsam und die längeren Tage schleichen sich ein.

Wir nehmen die Zeit als eine Linie wahr, weil unsere Sicht im Raum begrenzt ist. Stattdessen verläuft sie wie die Jahreszeiten in konzentrischen Kreisen wie eine Art Spirale. Dinge wiederholen sich, andere Dinge in dieser Wiederholung verändern sich langsam. Alles läuft auf ein für uns begrenzte Wesen nicht fassbares Ziel hinaus. Diese Welt im Ganzen ist lebendig und damit endlich. Sie vergeht. Wir haben verlernt, damit umzugehen und in Kreisen und Rhythmen und Ganzheiten zu denken und zu fühlen. Wir reißen die geschenkte Zeit auseinander und zugleich entseelen wir damit unsere Brust.

Wenn wir also Forderungen an ein abstraktes 2017 stellen, werden diese unweigerlich enttäuscht. Der Jahreswechsel ist kein Punkt für den Beginn irgendeines Selbstoptimierungs-Projektes. Wir werden nicht besser, weil wir es uns vornehmen. Der Jahreswechsel ist vielmehr eine Möglichkeit für unser Inneres. Er ist die Aufforderung an UNS für ein Innehalten. Die große Möglichkeit, Vergangenes anzunehmen wie es war und es dann loszulassen. Die wunderbare Möglichkeit, uns selbst loszulassen in die Hand des Ewigen, der unsere Begrenzungen kennt und Mitleid mit ihnen hat. Die Möglichkeit für das Frühlingserwachen der Seele, für neuen Atem in alte Totengebeine. In den Bäumen steigt bereits der Saft für Knospen und Blüten auf, sobald sich das Licht vermehrt. Lassen wir den Lichteinfall durch die Risse unseres Seins in unser eigenes Herz zu?

Es sind die großen, alten Dinge wie Vergebung, Loslassen und Hingabe, die ein 2017 neu und besser machen können. Haltlose Forderungen ohne Hoffnung und bittere Verwünschungen dessen, was uns angeblich angetan wurde, verschließen die Möglichkeit für neues Leben.

Darum widme ich mich in diesem Bible Art Journaling der Jahreslosung, obwohl ich zugegeben keine treue Leserin der Losungen bin. Der von Herrenhut ausgewählte Vers ist zugleich Segen, Wunsch und Gebet. In mir ein neues Herz! Ein neuer Geist – eine neue, offene, aufrechte und liebevolle Haltung. Das ist es, was die Dinge besser macht und was uns hilft, das Schlechte zu ertragen und über das Gute zu jubeln.

Kehren wir um von Härte und Bitterkeit, lassen wir uns vom reinigenden Wasser der Buße eine nie gekannte Klarheit und Hoffnung schenken. Lassen wir uns in Offenheit und mit Verlangen ein weiches und williges Herz schenken, damit unsere Totengebeine durch den Atem Gottes zum Leben erweckt werden. Denn vergessen wir nicht, dass dieses Bild aus Hesekiel die eine, große Hoffnung ausdrückt, die wir sterbliche Wesen haben können: Dass mit dem Ende der uns und der Welt zugemessenen Zeit nicht das absolute Ende erreicht ist. Auferstehung. Ewigkeit. Herrlichkeit. Etwas, das auf uns wartet. Etwas, wonach sich unsere Seele sehnt.

So wie Israel aus allen vier Himmelsrichtungen gerufen wird, so ruft Gott sein Volk aus allen Richtungen und er atmet sein Wort und seine Liebe in alle Richtungen. Wir müssen nur unser steinernes Herz aufbrechen lassen. Sind wir bereit loszulassen, ob nun ein Jahreswechsel stattgefunden hat oder nicht? Auch am heutigen Tag und an den folgenden sind die Möglichkeiten groß und wunderbar und vielfältig.

 

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Reinheit und Klarheit des Wassers als Bild für das Abwaschen der alten, bösen Dinge in unserem Leben. Geist und Herz ganz neu und bereitwillig, das Gute zu tun.

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Hesekiels Schau des Tals der Totengebeine. Atem fährt in sie hinein und erweckt sie zu neuem Leben. Das Volk Gottes wird aus allen vier Himmelsrichtungen gerufen und dazu berufen, lebendig zu sein und sich von Gottes Atem aufwecken zu lassen.

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