Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

Das Kind in der Mitte

Und er kam gen Kapernaum. Und da er daheim war, fragte er sie: Was handeltet ihr miteinander auf dem Wege? Sie aber schwiegen; denn sie hatten miteinander auf dem Wege gehandelt, welcher der Größte wäre. Und er setzte sich und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: So jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein vor allen und aller Knecht. Und er nahm ein Kindlein und stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen: Wer ein solches Kindlein in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. Markus 9,33-37

Über diesen Abschnitt aus dem Leben unseres HERRN ist die Darstellung, die Markus gibt, die vollständigere. Doch sie mag durch den Bericht von Matthäus bereichert und die Lehre noch stärker verdeutlicht werden.

„Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.“

Diese Abschnitte stellen eine Lehre unseres HERRN dar, die er seinen Jüngern gegen Ehrsucht und Wetteifer gab. Es geht nicht um die Darlegung jener Lehre, wenn ich über diese Worte unseres HERRN schreibe, sondern um eine Wahrheit, eine Offenbarung über Gott, in der seine großartige Aussage ihren höchsten Ausdruck erreicht.

Er nahm ein kleines Kind – möglicherweise ein Kind von Petrus; denn Markus teilt mit, dass der Vorfall in Kapernaum stattfand und „da er daheim war“ – also ein Kind mit einigen Eigenschaften des Petrus, dessen schwerwiegendere Fehler die seines kindischen Naturells waren. Wir können erwarten, dass das Kind eines solchen Vaters so kindlich in Ausdruck und Verhalten ist, wie es wesentlich für die Vermittlung der Lehre war, welche ich nun darzulegen wünsche, wie sie in dem Abschnitt enthalten ist.

Denn es muss eingestanden werden, dass es Kinder gibt, die nicht kindlich sind. Einer der traurigsten und nicht wenig verbreiteten Anblicke in der Welt ist das Gesicht eines Kindes, dessen Geist so randvoll mit weltlicher Weisheit ist, dass die menschliche Kindlichkeit daraus gewichen ist, ebenso wie die göttliche Kindlichkeit. Denn das Kindliche ist das Göttliche, und genau dieses Wort „führt mich den Weg entlang, den ich gekommen bin.“ Doch ich muss meinen Aufstieg zur endgültigen Darlegung hinauszögern, um eine mögliche Schwierigkeit zu beseitigen, die, in der Hinwendung zu einer der größten Wahrheiten, uns abzieht von der Wahrheit, die der HERR hier ins Auge gefasst hat.

Die Schwierigkeit ist folgende: Sieht es dem Menschensohn ähnlich, sich das schönste Kind herauszusuchen und das gewöhnliche unbeachtet zu lassen? Welchen Nutzen hätte er davon? Tut nicht alles gemeine Volk ebenso? Und lehnen sich unsere Herzen nicht gegen einen solchen Gedanken auf? Ist nicht das Herz einer Mutter dem Missratenen unter ihren Sprösslingen am nächsten? Und „Christus, wie wir an ihn glauben“ sollte nach Augenschein auswählen? Würde er sich abwenden von einem in die Sünde hineingeborenen Kind, erzogen zu Ungerechtigkeit, auf dessen verhärmten Gesicht Hunger, Verwegenheit und Lobheischen sich vermischen und ihm die Gerissenheit bitteren Alters aufprägen, um lieber ein Kind ehrlicher Eltern in seine Arme zu nehmen, so wie das von Petrus und seiner Frau, die nicht umhin kamen, gütiger als andere zu erscheinen? Das wäre nicht er, der gekommen ist, um das zu suchen und zu retten, was verloren gegangen ist. Lasst einen Menschen, der seinen Bruder liebt, wählen, in den höchsten Augenblicken seiner Liebe zu Gott, wenn er dem Ideal der Menschlichkeit, ein Mensch zu sein, der ein Schutzort vor den Stürmen ist, am nächsten ist, lasst ihn wählen, welchem er Zuflucht an seiner Brust gibt. Würde es nicht das bösartige Kind sein, weil es dies am meisten nötig hat? Ja; in Gottes Namen, ja. Denn ist dies nicht der göttliche Weg? Wer, der vom verlorenen Schaf oder vom verlorenen Sohn gelesen hat, selbst wenn er nicht den Geist hat, der seinem Geist Zeugnis darüber gibt, wird es wagen zu leugnen, dass dies der göttliche Weg ist? Ohne Zweifel wird es oft anders erscheinen, denn das kindliche Kind ist einfacher zu retten als das andere und wird zuerst ankommen. Aber der Jubel im Himmel ist am größten über das Schaf, das sich am weitesten verirrt hat – das vielleicht auf der verwilderten Seite des Hügels geboren ist und noch nicht einmal in der Herde. Um solch einen Verlorenen betet der ältere Bruder im Himmel in dieser Weise – „HERR, denke an meinen armen Bruder mehr als du an mich denkst, denn ich kenne dich und habe Frieden in dir. Ich bin immer bei dir.“

Warum also denke ich, dass es notwendig ist zu sagen, dass dieses Kind vielleicht Petrus´ Kind war und ein Kind, das kindlich aussah, weil es kindlich war? Kein Ausmaß an Bösem kann das Kind sein. Kein Maß an Bösartigkeit, nicht nur auf den Gesichtszügen, sondern im Verhalten oder gar im Herzen des Kindes, kann das Kind aufhören lassen, Kind zu sein, kann die göttliche Idee der Kindschaft auslöschen, die das Herz Gottes bewegte, als er dieses Kind nach seinem Bild schuf. Es ist das Wesentliche, über das Gott spricht, das Echte, nach dem er urteilt, das Unsterbliche, über das er Gott ist.

Dafür stehe ich von Herzen ein. Denn wenn der HERR, indem er ein Kind in seine Arme nimmt, bezwecken wollte, uns darüber zu belehren, unseren Nächsten zu lieben, die Menschen zu lieben, dann würde das hässlichste Kind, das er hätte finden können, diesem Ziel vielleicht am besten gedient haben. Der Mensch, der irgendein, mehr noch, der das widerspenstige Kind aufnimmt, weil es ein Geschöpf Gottes ist, weil es sein eigener Bruder ist, wird den VATER aufnehmen, indem er das Kind aufnimmt. Wer immer einen Becher kalten Wassers dem Geringsten reicht, erfrischt das Herz des VATERS. Zu handeln wie Gott handelt, heißt, Gott aufzunehmen; einem seiner Kinder einen Dienst zu erweisen heißt, den VATER aufzunehmen. Daher hätte jedes menschliche Wesen, besonders wenn es erbärmlich, kummervoll und ausgestoßen ist, dem Zweck genauso gut gedient wie ein Kind, um die Liebe Gottes zu den Menschen darzulegen. Darum ist hier vielleicht etwas darüber hinaus beabsichtigt. Die Lehre liegt nicht in der Menschlichkeit, sondern in der Kindschaft des Kindes.

Wiederum, wenn die Jünger hätten erkennen müssen, dass das Wesen der Kindschaft gemeint war, und nicht eine verwischte und schon halb ausgelöschte Kindschaft, dann hätte das selbstsüchtigste Kind dem Zweck ebenso gut gedient, und auch nicht besser als dasjenige, von dem wir annehmen, dass die echte Kindschaft in ihm deutlicher sichtbar war. Doch wenn das Kind dargestellt wurde als Demonstration, Ausdruck und Zeichen der Wahrheit, die in seiner Kindschaft lag, dass sowohl die Augen als auch die Ohren den Weg zum Herzen bahnen, dann war es wesentlich, dass das Kind – nicht schön, aber – kindlich sein sollte; damit jene Merkmale, welche bei ihrem Anblick in unseren Herzen die besondere Liebe wecken, die der Kindschaft gehört, was eigentlich zur Wahrnehmung der Kindschaft gehört, zuletzt aus dem Gesicht des ausgewählten Typus leuchten sollten. Hätte solch ein unkindliches Kind wie wir es manchmal sehen, mal in einem großzügigen Haus, gekleidet in Purpur und Spitze, mal in einem elenden Verschlag, gekleidet in Schmutz und Lumpen, dem Anspruch unseres HERRN genügt, wenn er seinen Hörern sagen wollte, dass sie wie dieses Kind werden müssen? Wenn die Lehre, die er ihnen erteilen wollte, die der göttlichen Natur des Kindes war, die der Kindlichkeit? Wäre das nicht ein Widerspruch gewesen zwischen dem Kind und den Worten unseres HERRN, lächerlich, nur noch übertroffen von dem Grauen, wenn er die Einzigartigkeit des Kindes darlegt, indem er sagt „dies Kind“, „ein solches Kindlein“, „diese Geringsten, die an mich glauben“? Selbst die Gefühle des Mitleids und der Liebe, die in einem guten Herzen beim Nachsinnen über ein solches Kind aufkommen, würden es doch abwenden von der Lehre, die unser HERR beabsichtigte.

Dass diese Lehre nicht im Menschsein, sondern in der Kindschaft des Kindes lag, lasst mich jetzt vollständiger ausführen. Die Jünger hatten darüber gestritten, wer der Größte sein sollte und der HERR wollte ihnen zeigen, dass solch ein Streit gar nichts mit der Art zu schaffen hat, wie die Dinge in seinem Reich vor sich gehen. Deshalb nahm er als Exempel aus seinen Zugehörigen ein Kind und setzte es ihnen vor. Nicht aufgrund seiner Menschlichkeit, sondern aufgrund seiner Kindschaft wurde dieses Kind präsentiert, um einen Angehörigen des Königreiches zu repräsentieren. Er sagte ihnen, dass sie nicht in das Königreich eintreten könnten, es sei denn sie würden kleine Kinder – indem sie sich selbst erniedrigten. Denn der Gedanke des Herrschens war ausgeschlossen, wo Kindlichkeit das eine wesentliche Merkmal darstellte. Es ging nicht mehr darum, wer herrschen sollte, sondern wer dienen sollte; nicht mehr darum, wer von den eroberten Höhen der Autorität auf seine Gefährten hinuntersieht – selbst wenn es heilige Autorität ist, sondern wer aufsieht und die Menschheit ehrt, ihr dient, so dass die Menschheit selbst auf lange Sicht überzeugt wird von der eigenen Ehre als Tempel des lebendigen Gottes. Um ihnen diese Lehre eindrücklich zu vermitteln, zeigte er ihnen das Kind. Deshalb, ich wiederhole es, lag die Lehre in der Kindschaft des Kindes.

Doch nun nähere ich mich meinem eigentlichen Punkt; denn diese Lehre führte zum Ausdruck einer noch höheren Wahrheit, auf die sie gegründet ist und aus der sie entsprang. Nichts wird vom Menschen verlangt, das nicht zuerst in Gott ist. Weil Gott vollkommen ist, wird von uns gefordert, vollkommen zu sein. Und wegen der Offenbarung Gottes in allen menschlichen Seelen, dass sie gerettet werden mögen, indem sie ihn erkennen und auf diese Weise werden wie er, wird dieses Kind ausgewählt und ihnen im Evangelium vorgestellt. Der, welcher, indem er ihm den Becher Wasser reicht oder es empfängt, mit dem Wesen der Kindschaft des Kindes in Berührung kommt – das heißt, sein kindliches Menschsein empfängt (nicht der, welcher es aus Liebe zur Menschheit oder sogar aus Liebe zu Gott als seinem VATER empfängt) – ist Teilhaber der Bedeutung, das heißt des Segens in diesem Abschnitt. Es ist die Wahrnehmung der Kindschaft als göttlich, die dem Jünger zeigt, wie vergeblich das Streben nach höherer Stellung oder Ehre im großen Königreich ist.

Denn es geschieht In meinem Namen. Das bedeutet mich repräsentierend; und darum als wäre ich es. Unser HERR könnte nicht den Auftrag geben, jemanden in seinem Namen aufzunehmen, der ihn nicht mehr oder weniger repräsentieren könnte; das wäre falsch und unsinnig. Zudem hatte er seinen Jüngern gerade gesagt, dass sie wie dieses Kind werden müssten; und wenn er ihnen nun sagt, solch ein kleines Kindlein in seinem Namen aufzunehmen, muss das sicherlich bedeuten, dass sie alle etwas gemein haben – etwas, in dem sich das Kind und Jesus ähneln – etwas, in dem sich das Kind und die Jünger ähneln. Was anderes kann das sein als die geistliche Kindschaft? In meinem Namen heißt nicht weil ich es will. Eine beliebige Äußerung des Willens unseres HERRN würde sicher Zehntausende finden, die sie befolgen, selbst unter Leiden, wenn einer solch eine lebendige Wahrheit in seinem Charakter empfangen kann wie sie in den Worten enthalten ist; doch es ist nicht Gehorsam allein, den unser HERR haben will, sondern Gehorsam gegen die Wahrheit, das Licht der Welt, Wahrheit, gesehen und erkannt. In meinem Namen, wenn wir es mit allem nehmen, was wir darin finden, die volle Bedeutung, welche den Abschnitt in Einklang bringen und vervollständigen kann, enthält eine Offenbarung über Ähnlichkeit, über die Eignung etwas zu repräsentieren und damit zu offenbaren. Der, der ein Kind aufnimmt, dies im Namen Jesu tut, erkennt also, worin Jesus und das Kind eins sind, was ihnen gemein ist. Er sieht nicht nur das Ideal des Kindes in dem Kind, das er aufnimmt – die Natur der Liebenswürdigkeit, welche wahre Kindschaft darstellt, sondern muss erkennen, dass das Kind wie Jesus ist, oder vielmehr, dass der HERR wie das Kind ist und angenommen werden mag, ja angenommen von jedem Herzen, das kindlich genug ist, um ein Kind anzunehmen um seiner Kindschaft willen. Ich sage damit nicht, dass niemand, der sich dieses Aktes nicht bewusst ist, Teil hat am Segen. Doch ein besonderer Sinn, eine höhere Wahrnehmung des Gesegnetseins, gehört zu dem Akt der Annahme eines Kindes als des sichtbaren Abbildes des HERRN selbst. Denn das Gesegnetsein ist die Erkenntnis der Wahrheit – der Segen ist die Wahrheit selbst – die Gott erkennende Wahrheit, dass der HERR das Herz eines Kindes hat. Der Mensch, der dies erkennt, weiß von sich selbst, dass er gesegnet ist – gesegnet, weil es wahr ist.

Doch die Darlegung der Bedeutung der Worte unseres HERRN, In meinem Namen, ist unvollständing, bis wir der Äußerung unseres HERRN zu ihrer zweiten und höheren Ebene folgen: „Wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Es ist wohl zulässig anzunehmen, dass die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Glied der Kette dieselbe ist wie die Verbindung zwischen dem zweiten und dritten. Ich behaupte nicht, dass es nötigerweise so ist; denn mein Ziel ist kein logischer Schluss. Ich zeige meinem Leser durch meine Folgerungen vielmehr die Idee auf, weniger als dass ich sie beweise, der ich mich annähere. Denn wenn er sie einmal erblickt und er sie nicht annehmen kann, wenn sie sich ihm selbst nicht als wahr erzeigt, nützt es wenig, ihn durch Logik zu überzeugen, aber ich räume ein, dass er andere mögliche Verbindungen in der Kette leicht vorbringen kann, obwohl ich behaupte, keine solch gleichförmigen. Was also ist die Verbindung zwischen dem zweiten und dritten? Wie empfängt der, der den SOHN empfängt, den VATER? Weil der der SOHN wie der VATER ist; und wessen Herz das Wesentliche in Christus erkennen kann, hat das Wesentliche des Vaters – das heißt, er sieht und erhält es durch diese Erkenntnis und ist eins damit durch Erkenntnis und Lobpreis. Was also ist als nächstes die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten? Ich denke, es ist dieselbe. „Er, der das Wesentliche in diesem Kind, die reine Kindschaft, sieht, sieht das, was das Wesentliche in mir ist“, Gnade und Wahrheit – in einem Wort, Kindlichkeit. Daraus folgt nicht, dass das erstere vollkommener als das letztere ist, aber es ist von derselben Art und darum, offenkundig in dem Kind, offenbart es das, was in Jesus ist.

Wer also ein Kind in dem Namen Jesu aufnimmt, der empfängt Jesus; Jesus zu empfangen heißt, Gott zu empfangen; darum heißt das Kind zu empfangen, Gott selbst zu empfangen.

Dass der Eindruck der Worte solcherart ist und der Eindruck im Herzen unseres HERRN solcherart war, als er sie sprach, will ich anhand eines anderen goldenen Fadens, der in dem leuchtenden Netz seiner goldenen Worte zu finden sein mag, aufzeigen.

Was ist das Königreich Christi? Ein Gebot der Liebe, der Wahrheit – ein Gebot des Dienens. Der König ist darin der oberste Diener. „Die Könige der Erde haben Herrschaft: so soll es unter euch nicht sein.“ „Der Sohn des Menschen kam, um zu dienen.“ „Mein Vater wirkt, und so wirke auch ich.“ Der große Arbeiter ist der große König, wirkend für seine Eigenen. Also muss der, der der Größte unter ihnen sein will und dem König selbst am nächsten kommen will, der Diener aller anderen sein. Es verhält sich wie der König so die Untertanen im Himmelreich. Kein Gebot der Macht wie das einer Art über eine andere. Es ist das Gebot der Art, der Natur, der tiefsten Natur – Gottes. Wenn wir also, um in dieses Königreich zu kommen, Kinder werden müssen, muss der Geist der Kinder der alles durchdringende Geist darin sein, vom demütigen Untertan zum demütigsten König. Die Lehre, die von Lukas zur Vorstellung des Kindes hinzugefügt wird, ist diese: „Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ Dies ist das Zeichen zwischen König und Untertan. Der Untertan kniet in Verehrung der Könige der Erde: der himmlische König nimmt seinen Untertan in seine Arme. Dies ist das Zeichen des Königreichs zwischen ihnen. Das ist die alles durchdringende Verbindung des Königreichs.

Um also einen Blick zurück zu werfen:

Das Kind aufzunehmen, weil Gott es aufnimmt, um seiner Menschlichkeit willen, ist die eine Sache; es aufzunehmen, weil es wie Gott ist oder um seiner Kindschaft willen, ist eine andere Sache. Die erstere wird wenig ausrichten, um Ehrsucht auszulöschen. Sie mag sogar noch dazu beitragen, sie auszuweiten, weil sie den Wettstreit zwischen den Menschen befördert. Doch die letztere greift genau an die Wurzel des Wetteiferns. Sobald der Dienst wegen der Ehre erfolgt und nicht um des Dienens willen, ist der Täter in diesem Augenblick schon außerhalb des Königreichs. Doch wenn wir das Kind im Namen Christi aufnehmen, ist eben die Kindschaft, die wir in unseren Armen empfangen, das Menschsein. Wir lieben seine Menschlichkeit in seiner Kindschaft, denn Kindschaft ist der tiefste Kern des Menschseins – sein göttliches Herz; und so nehmen wir im Namen des Kindes die gesamte Menschheit auf. Darum, obwohl die Lehre nicht von der Menschheit handelt, sondern von der Kindschaft, fällt sie zurück auf unsere Art und wir empfangen unsere Art mit offeneren Armen und tieferen Herzen. Keine andere Lehre wird missachtet, wenn man diese Lehre annimmt; es ist also keine Herzlosigkeit darin, wenn man darauf besteht, dass das Kind ein liebenswertes – ein kindliches Kind war.

Wenn es im Himmel ein Bild von dieser wunderbaren Lehre gibt, dann erblicken wir es ohne Zweifel in der sanft leuchtenden Kindschaft auf den Gesichtern der Gruppe von Jüngern, in deren Mitte der Sohn des Menschen ein Kind in seinen Armen hält. Die Kindschaft, schwach leuchtend in den Gesichtern der Männer, muss wahrhaft klar im Gesicht des Kindes aufscheinen. Doch im Gesicht des HERRN selbst wird die Kindschaft triumphierend sein – all seine Weisheit, all seine Wahrheit, die strahlende Gelassenheit des Vertauens in seinen VATER, enthaltend. Wahrlich, Oh HERR, wenn deine Sanftheit die Welt groß gemacht hat, dann werden, Kinder wie du, alle Menschen im Angesicht des großen Gottes lächeln.

Doch nun erreichen wir den höchsten Punkt in dieser Lehre unseres HERRN: „Der, der mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Ein Kind im Namen Gottes aufzunehmen heißt, Gott selbst aufzunehmen. Wie ihn aufnehmen? Allein wie er nur aufgenommen werden kann, – indem man ihn kennt wie er ist. Ihn zu kennen heißt, ihn in uns zu haben. Und damit wir ihn kennen, lasst uns nun diese Offenbarung von ihm empfangen, in den Worten unseres HERRN selbst. Hier ist die Darlegung höchster Wichtigkeit gegründet auf der Lehre unseres Meisters in jener Äußerung vor uns.

Gott wird repräsentiert in Jesus, weil dieser Gott wie Jesus ist: Jesus wird repräsentiert in dem Kind, weil Jesus wie das Kind ist. Darum wird Gott repräsentiert in dem Kind, weil er wie das Kind ist. Gott ist kindlich. In der wahren Schau dieser Tatsache liegt das Empfangen Gottes in dem Kind.

An diesem Punkt angelangt, habe ich der Darlegung nichts weiter hinzuzufügen; denn wenn der Herr dies meinte – das heißt, wenn dies eine Wahrheit ist, wird der, der dazu fähig ist, sie empfangen: Der, der Ohren hat zu hören, wird hören. Denn die Darlegungen unseres HERRN führen die Wahrheit vor und die Wahrheit bringt ihre eigene Überzeugung von sich zu dem, der in der Lage ist, sie zu empfangen.

Doch das Wort von einem, der diese Wahrheit gesehen hat, mag zur Aufdämmerung einer ähnlichen Wahrnehmung verhelfen, bei denen, die ihre Gesichter bereits dem Osten und seinem Lichtstreif zugewandt haben; denn ein Mensch mag Augen haben und obwohl er nur schwach sieht, mehr sehen wollen. Darum lasst uns noch eine Weile über den Gedanken nachsinnen und schauen, ob er nicht hervorbricht und sich selbst über jenen Geist empfiehlt, der, eins mit dem menschlichen Geist, wenn er dort weilt, die tiefen Dinge Gottes erforscht. Denn obwohl das aufrichtige Herz zuerst erschreckt über die Wahrheit sein mag, so wie Petrus erschreckt war, als er sagte: „Das sei fern von dir, HERR“, wird es sie nach einer Weile doch aufnehmen und sich in ihr freuen.

Lass mich also fragen, ob du an die Fleischwerdung glaubst? Und wenn du es tust, lass mich weiter fragen, ob Jesus jemals weniger göttlich war als Gott? Ich antworte für dich, NIEMALS. Er war niedriger, aber niemals weniger göttlich. War er dann kein Kind? Du antwortest „Ja, aber er war nicht wie andere Kinder.“ Ich frage „Sah er nicht wie andere Kinder aus?“ Wenn er aussah wie sie und nicht war wie sie, dann war das Ganze eine Täuschung, bestenfalls eine Maskerade. Ich sage, er war ein Kind, was immer er sonst noch mehr war. Gott ist Mensch und darüber hinaus unendlich mehr. Unser HERR wurde Fleisch, aber er wurde nicht Mensch. Er nahm die Gestalt eines Menchen an: er war bereits Mensch. Und er war, ist und wird immer göttlich kindlich sein. Er hätte niemals ein Kind sein können, wenn er jemals aufgehört hätte ein Kind zu sein, denn in ihm fand sich nichts Vergängliches. Kindschaft gehört zur göttlichen Natur. Unterordnung ist also ebenso göttlich wie Wille, Dienen ebenso göttlich wie Herrschen. Wie? Weil sie eins sind in ihrem Wesen; sie sind beide ein Tun der Wahrheit. Die Liebe in ihnen ist dieselbe. Die Vaterschaft und die Sohnschaft sind eins, vorausgesetzt, dass die Vaterschaft liebevoll herabschaut und die Sohnschaft liebevoll aufschaut. Liebe ist alles. Und Gott ist alles in allem. Er strebt immer danach, zu uns herab zu kommen – der göttliche Mensch für uns zu sein. Und wir sagen immer: „Das sei ferne von dir, HERR!“ Wir sorgen uns in unserem Unglauben um seine Würde, für die er zu groß ist, um daran zu denken. Gottgefälliger, es braucht nur ein kleines Wagnis, das zu sagen, ist die Kühnheit Hiobs, der in seine Gegenwart stürzt, indem er die Tür zum Raum seiner Gegenwart so weit aufstößt, dass sie an die Wand schlägt, und wie ein verstörtes, vielleicht zorniges, aber vor allem vertrauensvolles Kind laut in das Ohr desjenigen ruft, dessen vollkommene Vaterschaft er erst noch erkennen muss: „Bin ich das Meer oder ein Seeungeheuer, dass du einen Wächter gegen mich stellst?“

Lasst uns also wagen, zur Höhe der göttlichen Wahrheit aufzusteigen, zu der diese Äußerung unseres HERRN uns führen mag.

Führt es uns nicht dahin: dass die Hingabe Gottes an seine Geschöpfe vollkommen ist? Dass er nicht an sich selbst denkt, sondern an sie? Dass er nichts für sich selbst will, sondern seine Seligkeit in der Gabe der Seligkeit findet?

Ah! Es ist eine furchtbare – soll es eine einsame Herrlichkeit sein? Wir werden mit unserer menschlichen Antwort darauf nahe kommen, dem Ablegen unseres Selbst im Glauben Jesu. Er gibt uns sich selbst – sollten wir uns ihm nicht hingeben? Sollten wir uns nicht einander hingeben, denen, die er liebt?

Denn wann ist das Kind in unseren Augen und für unser Herz das ideale Kind? Ist es nicht dann, wenn es mit zärtlicher Hand seinen Vater beim Bart nimmt und das Gesicht des Vaters zu seinen Brüdern und Schwestern wendet, damit sie es küssen? Wenn sogar die liebenswerte Selbstsucht, nach Liebe zu verlangen, verschwindet und sich im Lieben auflöst?

Darin ist Gott wie das Kind: dass er schlicht und einfach unser Freund und Vater ist – mehr als Freund, Vater und Mutter – unser unendlich vollkommen liebender Gott. Großartig und stark jenseits von allem, was menschliche Vorstellung sich an Poesie und königlichem Handeln ausmalen kann; er ist zärtlich jenseits von allem, was menschliche Zärtlichkeit sich zwischen Mann und Weib ausdenken kann, behaglich jenseits von allem, was das menschliche Herz von Mutter und Vater erwarten kann. Er hat keine zwei Gedanken über uns. Bei ihm ist alles Einfachheit in Bestimmung und Bedeutung und Bestreben und Ende – nämlich dass wir sein sollen wie er ist, dieselben Gedanken denken, dieselben Dinge meinen, dieselbe Seligkeit besitzen. Es ist so deutlich, dass jeder es sehen kann, jeder es sehen sollte, jeder es sehen wird. Es muss so sein. Er ist völlig aufrichtig und gut zu uns, noch wird irgendwas seinem Willen widerstehen.

Wie furchtbar haben die Theologen schon Gott missdeutet, im Maß des Begrenzten und Überhobenen, statt in hoher und einfacher Art des Menschlichen! Fast alle von ihnen repräsentieren ihn als einen großen König auf einem erhabenen Thron, darüber nachdenkend wie erhaben er ist, und sie machen es zu der Aufgabe seines Daseins und zum Ziel seines Universums, seine Ehre aufrechtzuerhalten und die Blitze eines Jupiter auf jene zu schleudern, die seinen Namen in Nichtigkeit verwenden. Sie wollen dies nicht erlauben, aber indem sie dem folgen, was sie sagen, kommt es genau dazu. Geschwister, habt ihr unseren König gefunden? Dort ist er, küsst kleine Kinder und sagt, dass sie wie Gott sind. Dort ist er am Tisch mit dem Kopf eines Fischers an seine Brust gelehnt und mit einer Wehmut im Herzen, die selbst er, der geliebte Jünger, nicht ganz verstehen kann. Der einfachste Bauer, der seine Kinder und seine Schafe liebt, wäre – nein, nicht eine echterer, weil der andere falsch wäre, aber – ein wahrer Typus unseres Gottes im Gegensatz zur Monstrosität eines Monarchen.

Der Gott, der sich selbst immer wieder in der wechselvollen Fülle der Natur äußert; der Millionen Jahre dafür aufwendet, eine Seele zu formen, die ihn verstehen und gesegnet sein wird; der es niemals nötig hat, noch nötig haben wird, zu eilen; der den einfachsten Gedanken von Wahrheit und Schönheit als Ertrag der Saat, die er in die Ackerfurchen der Ewigkeit gesät hat, willkommen heißt, der voll Freude ist über die Antwort eines zögerlichen Augenblicks auf den Zeitalter währenden Ruf der Weisheit in den Straßen; der Gott der Musik, der Malerei, der Architektur, der Herr der Heerscharen, der Gott der Berge und Meere; dessen Gesetze von einem unsichtbaren Punkt der Weisheit ausgehen und dorthin zurückkehren ohne den Verlust eines kleinsten Teilchens; der Gott der Geschichte, der durch die Zeit wirkt bis hin zur Christenheit; dieser Gott ist der Gott der kleinen Kinder und er allein kann vollkommen, hemmunslos einfach und hingebungsvoll sein. Die tiefste, reinste Liebe einer Frau hat ihren Ursprung in ihm. Unser sehnsuchtsvolles Verlangen kann niemals die Fülle der Schätze der Gottheit ausschöpfen, noch kann unsere Vorstellungskraft jemals ansatzweise ihr Maß erfassen. Nicht ein Gedanke, nicht eine Freude, nicht eine Hoffnung eines seiner Geschöpfe kann unbeachtet an ihm vorbeiziehen; und während noch eines von ihnen unzufrieden ist, kann er nicht HERR über alle sein.

Darum, mit Engeln und mit Erzengeln, mit den Geistern der vollkommen Gemachten, mit den kleinen Kindern des Königreichs, Ja, mit dem HERRN selbst, und für alle, die ihn nicht kennen, preisen und erheben und loben wir seinen Namen, indem wir sagen Unser Vater. Wir ziehen uns nicht zurück, weil wir unwürdig sind, noch weil wir hartherzig sind und uns nicht um das Gute scheren. Denn es ist seine Kindlichkeit, die ihn zu unserem Gott und VATER macht. Die Vollkommenheit seiner Beziehung zu uns verschlingt all unsere Unvollkommenheiten, all unsere Fehler, all unser Böses; denn unsere Kindschaft wird aus seiner Vaterschaft geboren. Der Mensch ist vollkommen im Glauben, der zu Gott kommen kann im äußersten Mangel seiner Empfindungen und Bedürfnisse, ohne Glut und Bestreben, mit der Last niedriger Gedanken, Fehler, Unterlassungen und umherschweifender Nachlässigkeit, und zu ihm sagen kann: „Du bist meine Zuflucht, weil du mein Zuhause bist.“

Solch ein Glaube wird nicht zur Anmaßung führen. Der Mensch, der solch ein Gebet sprechen kann, wird besser als andere wissen, dass Gott sich nicht spotten lässt; dass er nicht ein Mensch ist, dass er etwas bereuen würde; dass Tränen und Flehen bei ihm nicht bewirken, dass er eines seiner Gebote umstößt; dass einem Menschen zu geben, worum er bittet, wenn es nicht in Übereinstimmung mit den Geboten der Wahrheit und Gerechtigkeit ist, für Gott heißen würde, ihn zu verdammen – ihn in die äußerste Finsternis zu werfen. Und er weiß, dass der kindliche, unerschütterliche Gott keinen Menschen aus diesem Kerker entlassen wird, bis er den äußersten Preis dafür bezahlt hat.

Und sollte er es doch vergessen, wird der Gott, zu dem er gehört, es nicht vergessen, ihn nicht vergessen. Das Leben ist keine Abfolge von Möglichkeiten mit ein paar eingesprenkelten Vorsehungen dazwischen, um einen gerade versagenden Glauben aufrecht zu erhalten, sondern es ist eine Vorsehung Gottes; und der Mensch wird nicht lange vor sich hin leben, bis das Leben selbst ihn an das erinnert, möglicherweise in Seelenpein, was er vergessen hat. Wenn er um Trost bittet, wird die Antwort möglicherweise in Form von Bestürzung und Grauen und dem Abwenden des Angesichtes Gottes kommen; denn die Liebe selbst wird, um der Liebe willen, das Angesicht abwenden von dem, der nicht liebenswert ist; und er wird die Worte lesen müssen, die an der dunklen Wand seines eingekerkerten Gewissens geschrieben stehen, die Worte, furchtbar und herrlich Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

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Über beatricegriguhn

Jesus liebende, exzessiv Tee trinkende, Bücher verschlingende Künstlerin mit Hang zu diversen Skurrilitäten

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