Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

 

Das verzehrende Feuer

„Unser Gott ist ein verzehrend Feuer.“ Hebräer 12,29

Nichts ist so unerbittlich wie die Liebe. Liebe, die sich dem Gebet beugt, ist unvollkommen und ärmlich. Denn dann ist es nicht Liebe, die sich beugt, sondern ihr Abklatsch. Denn wenn die Liebe auf die Stimme des Flehens hin den Unwillen beseitigt, dann ist es Liebe, die sich selbst behauptet, nicht Liebe, die ihre Ansprüche aufgibt. Es ist keine Liebe, die einen Segen unwillig erteilt; noch weniger ist es Liebe, die ein Gebet erhört, wenn es falsch und zum Schaden dessen ist, der betet. Liebe ist einig mit sich und unveränderbar.

Denn Liebe liebt in Lauterkeit. Liebe hat die vollkommene Liebenswürdigkeit dessen, was sie betrachtet, im Blick. Wo die Liebenswürdigkeit unvollständig ist und die Liebe es nicht lieben kann bis zu ihrer Fülle, da gibt sie sich selbst, um es lieblicher zu machen, dass es mehr lieben möge; sie strebt nach Vollkommenheit, bis dahin selbst vollkommen gemacht zu werden – nicht in sich selbst, sondern in ihrem Objekt. Da es Liebe war, die die Menschheit erschuf, wird selbst menschliche Liebe, im Verhältnis zu ihrer Göttlichkeit, das Schöne erschaffen um seiner selbst willen. Es gibt nichts ewig währendes, das nicht liebt und geliebt werden könnte und Liebe streckt sich immer nach Vollkommenheit aus, da solcher Art das Universum sein soll, unvergänglich, göttlich.

Darum muss alles, was nicht schön in dem Geliebten ist, alles, was dazwischen steht und nicht nach der Art der Liebe ist, zerstört werden.

Und unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

Wenn dies schwer zu verstehen ist, dann ist es als einfache, vollkommene Wahrheit schwer zu verstehen. Es mag Jahrhunderte dauern, ehe ein Mensch die Wahrheit sieht – Zeitalter des Kämpfens, des Mühens, des Strebens. Doch wenn er sie einmal sieht, ist sie so klar, dass er sich wundert, wie er hat leben können, ohne sie zu sehen. Dass er sie nicht eher verstanden hat, lag einzig und allein daran, dass er sie nicht gesehen hat. Eine Wahrheit zu sehen, zu wissen, worin sie besteht, sie zu verstehen, sie zu lieben, ist alles eins. Es gibt manch eine Bewegung hin zu ihr, manches Elend im Verlangen nach ihr, manchen Schrei des Gewissens gegen ihre Ablehnung, so manches Mal eine dämmernde Sehnsucht nach ihr als ein unbekanntes Bedürfnis, ehe endlich die Augen erwachen und die Dunkelheit traumschwerer Nacht sich dem Licht der Sonne der Wahrheit beugt. Doch einmal erkannt, währt es für immer. Eine göttliche Tatsache zu erkennen heißt, im Angesicht des Wesens ewigen Lebens zu stehen.

Denn diese Schau der Wahrheit Gottes hat durch alle Zeitalter hindurch gewirkt. Für diesen einfachen Zustand, diesen Höhepunkt des Lebens, auf dem ein Mensch sich wie ein Kind darüber wundert, dass er andere Menschen nicht sehend machen kann, was er sieht, hat das ganze Walten Gottes in Wissenschaft, Geschichte und Dichtung – von der Zeit an, als die Erde sich als ein einzelner Tropfen Feuer vom Rand des rotierenden Sonnenrades sammelte bis zu der Zeit, als Alexander John Scott ihn von ihrer Oberfläche aus anbetete – bildete sich Wahrheit um Wahrheit heraus in lieblicher Schau, in bezwingendem Gesetz, niemals lügend, niemals bereuend; und dafür wird die Geduld Gottes wirken, solange es noch eine menschliche Seele gibt, deren Augen nicht geöffnet worden sind, deren kindliches Herz noch nicht in ihm geboren wurde. Für diesen einen Zustand der Menschheit, für diese einfache Schau ist alles Denken Gottes von Grundlegung der Welt an in unzählige und wechselhafte Formen geflossen; und dafür ist auch die göttliche Zerstörung ausgegangen; dass sein Leben unser Leben sein möge, dass auch in uns dasselbe verzehrende Feuer wohne, welches das Wesen der Liebe ist.

Lasst uns die Äußerung des Apostels betrachten, die gekrönt wird von diesem lieblichen Schrecken: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“

„Darum, dieweil wir empfangen ein unbeweglich Reich, haben wir Gnade, durch welche wir sollen Gott dienen, ihm zu gefallen, mit Zucht und Furcht; denn unser Gott ist ein verzehrend Feuer.“ – Wir haben ein unbewegliches Reich empfangen – dessen Natur unbeweglich ist: lasst uns Gnade haben, dem Verzehrenden Feuer zu dienen, unserem Gott, mit göttlicher Furcht; nicht mit der Furcht, die kriecht und bettelt, sondern indem sich alle Gedanken, alle Freuden, alle Liebe vor ihm beugt, der das Leben all dessen ist und sie alle reinigen will. Das Reich, das er uns gegeben hat, kann nicht bewegt werden, weil es nichts Schwaches in sich hat: es ist aus der Welt der Ewigkeit, der Welt des Seins, der Wahrheit. Darum müssen wir ihn mit einer Furcht anbeten, so rein wie das Reich unerschütterlich ist. Er wird Himmel und Erde erschüttern, auf dass nur das Unerschütterliche bleibt (Vers 27): Er ist ein verzehrendes Feuer, damit nur das ewig bestehen bleibt, was nicht verzehrt werden kann. Es ist die Natur Gottes, so furchtbar rein, dass sie alles zerstört, was nicht so rein wie das Feuer ist, was von uns dieselbe Reinheit in unserer Anbetung verlangt. Er will Reinheit haben. Es ist nicht so, dass das Feuer uns verbrennen wird, wenn wir ihn so nicht in solcher Weise anbeten; sondern das Feuer wird uns verbrennen, bis wir ihn in solcher Weise anbeten; Ja, es wird weiter in uns brennen, bis all das, was ihm fremdartig ist, sich seiner Kraft beugt, nicht länger mit Schmerz und Verzehren, sondern als höchstes Bewusstsein des Lebens, der Gegenwart Gottes. Wenn das Böse, was allein verzehrbar ist, in seinem Feuer gewichen ist von den Bewohnern seines unbeweglichen Reiches, wird die menschliche Natur die Natur Gottes von Angesicht sehen und seine [des Menschen] Furcht wird rein sein; denn eine ewige, das heißt eine heilige Furcht, muss aus dem Verständnis der Natur entspringen, nicht aus dem Empfinden der Kraft. Doch das, was nicht verzehrt werden kann, muss in sich selbst eins sein, ein einfaches Dasein; deshalb wird die Furcht Gottes in solch einer Seele eins sein mit der heimeligsten Liebe. Ja, die Furcht vor Gott wird einen Menschen zur Flucht treiben, nicht von Ihm weg, sondern von sich selbst; nicht von Ihm weg, sondern zu Ihm hin, den eigenen VATER, im Schrecken, dass er sich nicht an Ihm vergehe oder an seinem Nächsten. Und die ersten Worte, die der Entfaltung dieser Gnade folgen, wodurch wir Gott annehmbar dienen, sind diese – „Bleibet fest in der brüderlichen Liebe.“ Unseren Bruder zu lieben heißt das Verzehrende Feuer anzubeten.

Das Sinnbild des verzehrenden Feuers scheint sich dem Schreiber durch das Feuer auf dem Berg des alten Gesetzes empfohlen zu haben. Dieses Feuer war Teil der Offenbarung Gottes, die den Israeliten dort gegeben wurde. Doch war es nicht das erste Beispiel solch einer Offenbarung. Das Sinnbild von Gottes Gegenwart, vor der Moses seine Schuhe ausziehen musste und der er sich nicht sicher nähern konnte, war ein Feuer, das den Busch, in dem es brannte, nicht verzehrte. Beide Offenbarungen waren erschreckend. Aber dasselbe Sinnbild, genutzt durch einen Schreiber des Neuen Testamentes, sollte mehr bedeuten, nicht mehr als es vorher bedeutete, aber mehr als es zuvor genutzt wurde, um etwas auszudrücken; denn es konnte nicht genutzt werden, um mehr auszudrücken als für sie möglich war zu empfangen. Was anderes als Schrecken konnte eine Nation aus Sklaven, in deren Seelen sich der Rost ihrer Ketten gefressen hatte, in deren Erinnerung der Dampf der Fleischtöpfe Ägyptens weilte, die lieber, als nicht von ihrer Lieblingsnahrung zu essen, zum Haus ihrer Gefangenschaft zurückgekehrt wären – was sonst konnte solch eine Nation in diesem Feuer sehen als Schrecken und Zerstörung? Wie sollten sie an Reinigung durch Feuer denken? Der Stand ihres Geistes ließ noch nicht zu, dass solch ein Gedanke erzeugt wurde. Und wenn sie den Gedanken gehabt hätten, würde die Vorstellung des inbegriffenen Leidens bald die Vorstellung der Reinigung überlagert haben. Noch hätte solch eine Nation irgendeiner Lehre gelauscht, die nicht durch Schrecken gestützt gewesen wäre. Furcht war das, wozu sie bereit waren. Sie konnten kein Wesen anbeten, vor dem sie sich nicht fürchten mussten.

War also diese Aufführung auf dem Berg Sinai ein Mittel, um Gehorsam zu bewirken, so wie schlechte Ammen es bei Kindern einsetzen? Ein Hauch von unbestimmtem und falschem Schrecken? War es keine wahre Offenbarung Gottes?

Wenn es keine wahre Offenbarung war, dann war es überhaupt keine und die Geschichte ist entweder falsch oder die ganze Zurschaustellung war ein politischer Streich des Mose. Jene, die den Geist Mose lesen, werden das letztere nicht so einfach glauben, und jene, die die Tragweite der vorgetäuschten Offenbarung verstehen, werden keinen Grund zur Annahme des ersteren sehen. Das, was Politik sein würde, wäre es eine Täuschung, ist deshalb nicht von der Möglichkeit einer anderen Quelle ausgeschlossen. Einige Leute glauben so wenig an einen Kosmos oder eine geordnete Welt, dass die Darlegung der Tauglichkeit an sich ein Grund für Unglauben ist.

Bei allen Ereignissen, wenn Gott ihnen diese Dinge zeigte, zeigte Gott ihnen das, was wahr ist. Es war eine Offenbarung seiner selbst. Er wird keine Maske aufsetzen. Er setzt ein Gesicht auf. Er wird nicht aus dem flammenden Feuer sprechen, wenn dieses flammende Feuer ihm fremd ist, wenn da nichts in ihm ist, was dieses flammende Feuer offenbaren kann. Sollten seine Kinder noch so barbarisch sein, er wird sie nicht mit einer Lüge erschrecken.

Es war eine Offenbarung, aber eine teilweise; ein wahres Sinnbild, nicht eine letztendliche Schau.

Keine Offenbarung kann anders als teilweise sein. Wenn für eine wahre Offenbarung einem Menschen alle Wahrheit erzählt werden muss, dann Lebewohl der Offenbarung; ja, Lebewohl der Sohnschaft. Denn was für eine andere Offenbarung als eine teilweise kann der höchste geistliche Stand vom unendlichen Gott empfangen? Aber sie ist deshalb nicht unwahr, weil sie teilweise ist. Im Verhältnis zu einem niedrigeren Stand des Empfängers, mag eine mehr teilweise Offenbarung wahrer sein als es der Fall sein würde, wo eine vollere Offenbarung für jemanden in höherem Stand begründet ist; die erstere mag ihm viel offenbaren, die letztere mag gar nichts offenbaren. Nur, was auch immer sie offenbaren mag, wenn ihre Natur solcherart wäre, dass sie Entwicklung und Wachstum ausschließt, auf diese Art den Menschen an seine Unvollkommenheit bindend, wäre sie eine falsche Offenbarung, gegen alle göttlichen Gebote des menschlichen Daseins kämpfend. Die wahre Offenbarung weckt durch die Wahrheit ihrer Unvollständigkeit das Verlangen, mehr zu wissen.

Hier war eine Nation auf ihrem niedrigsten Stand: konnte sie denn eine andere als nur eine teilweise Offenbarung empfangen, eine Offenbarung der Furcht? Wie anders als erschreckt sollten die Hebräer sein über das, was im Gegensatz zu allem stand, was sie über sich selbst wussten, Geschöpfe, die es für gut befanden, ein goldenes Kalb zu ehren? So wie sie waren, taten sie gut daran, sich zu fürchten. Sie waren in einem besseren Zustand, wenn sie nur einen Schrecken über sich bemerkten, flammend auf dieser unbekannten Bergeshöhe, als sich zu beugen, um den Götzen unter sich anzubeten. Furcht ist besser als Empfindsamkeit. Furcht ist besser als kein Gott, besser als ein mit Händen gemachter Gott. In dieser Furcht lag tief verborgen der Sinn für das Unendliche. Die Anbetung der Furcht ist wahrhaftig, obwohl sehr niedrig; und obwohl sie für Gott selbst nicht annehmbar ist, denn nur die Anbetung in Geist und Wahrheit ist für ihn annehmbar, so ist sie aus seiner Sicht trotzdem kostbar. Denn er sieht die Menschen nicht lediglich an als das, was sie sind, sondern wie sie sein sollen; nicht nur wie sie sein sollen, sondern wie sie jetzt wachsen, fähig sind zum Wachstum, hin zu dem Bild, nach dem er sie geschaffen hat, dass sie zu ihm hin wachsen. Darum sind tausend Stufen, jede in sich selbst alles andere als wertlos, von unschätzbarem Wert als notwendige und verbundene Abstufungen eines unendlichen Fortschritts. Ein Zustand, der in seiner Erniedrigung auf einen Teufel deuten würde, mag im Wachstum auf einen Heiligen deuten. Insofern also mag die Offenbarung, genauso wenig letztendlich wie vollständig und das Beste, zu dem sie jetzt fähig waren, hervorrufend, auf diese Weise Zukunft und höhere Offenbarung möglich machend, eine wahrhaftige gewesen sein.

Doch wir werden feststellen, dass genau diese Offenbarung des Feuers, in einem höheren Sinne, in sich selbst wahr ist, sowohl für den Geist des jubelnden Heiligen als auch für den Geist des bebenden Sünders. Denn der erstere sieht tiefer in die Bedeutung des Feuers und weiß besser, was es mit ihm tun wird. Es ist ein Sinnbild, welches nicht ersetzt werden muss, nur entfaltet. Während Menschen an ihren Sünden teilhaben, während sie sich fühlen, als ob sie, getrennt von ihren Sünden, nicht mehr länger sie selbst wären, wie können sie da verstehen, dass das blitzende Wort ein RETTER ist – das Wort, welches durchdringt zur Scheidung zwischen dem Menschen und dem Bösen, welches die Sünde erschlägt und dem Sünder Leben gibt? Kann es ihnen irgendeinen Trost geben, wenn ihnen gesagt wird, dass Gott sie so liebt, dass er sie rein brennen wird? Kann die Reinigung des Feuers ihnen als irgendetwas erscheinen jenseits von dem, was es immer, mehr oder weniger, sein muss, – ein Vorgang der Marter? Sie wollen nicht rein sein und sie können es nicht ertragen, gemartert zu werden. Können sie etwas anderes tun oder können wir verlangen, dass sie etwas anderes tun, als Gott zu fürchten, selbst wenn es die Furcht des Boshaften ist, bis sie lernen ihn zu lieben mit der Liebe des Heiligen. Für sie ist der Berg Sinai gekrönt mit den Zeichen der Vergeltung. Und ist Gott nicht bereit, ihnen zu tun wie sie fürchten, allerdings mit einem anderen Gefühl und zu einem Ende verschieden von jedem, welches sie fähig sind anzunehmen? Er ist gegen Sünde: insoweit wie und während sie und die Sünde eins sind, ist er gegen sie – gegen ihre Wünsche, ihre Ziele, ihre Ängste und ihre Hoffnungen; und auf diese Weise ist er völlig und immer für sie. Das Blitzen und Donnern und Stürmen, diese Dunkelheit vom Klang der Posaune zerrissen, das sichtbare Grauen angefüllt mit den Worten der Stimme war für die Sinne der Sklaven alles nur ein blasses Abbild von dem, was Gott gegen Niedertracht und Selbstsucht fühlt und denkt, von der Unruhe der unüberwindlichen Abscheu, mit welcher er solche Zustände betrachtet; so dass das unverständige Volk, sich davor hütend zu tun, wie sie eigentlich tun würden, ein wenig Raum lassen möge für diese Gnade, in ihnen zu wachsen, welche sie schließlich sehen lässt, dass es das Böse ist, und nicht das Feuer, was zu fürchten ist; ja, sie so zu verwandeln, dass sie glücklich hinaufstürzen würden in den Posaunenschall des Sinai, um dem Flötenspiel beim goldenen Kalb zu entkommen. Wenn sie das hätten verstehen können, hätten sie keinen Berg Sinai benötigt. Es war eine wahrhaftige und aus Notwendigkeit teilweise Offenbarung – teilweise, damit sie wahr ist.

Sogar Moses, der Mann Gottes, war nicht bereit, die ganze Offenbarung zu empfangen; nicht bereit, obwohl er aus Liebe zu seinem Volk sogar betete, dass Gott ihn aus seinem Buch des Lebens streichen möge. Wenn das bedeutet, dass er anbot, sich selbst als Opfer an Stelle von ihnen zu geben, würde es keinen genügenden Grund aufzeigen, warum er nicht mit der Schau des ERLÖSERS geehrt werden konnte. Denn so hätte er gedacht, Gott zu besänftigen, indem er nicht sah, dass Gott so sanft wie er selbst ist, indem er nicht sah, dass Gott der VERSÖHNER, der ERLÖSER ist, indem er nicht sah, dass das Opfer des Herzens die Rechtfertigung ist, um die allein er sich bekümmert. Er wollte ausgelöscht sein, damit ihre Namen bleiben. Sicherlich, wenn Gott ihm gesagt hätte, dass der, der gesündigt hat, dafür büßen soll, hätte Moses nicht erkennen können, dass dies das Gütigste ist, was Gott tun könnte. Doch ich bezweifle, dass es das ist, was Moses meinte. Es scheint eher die Äußerung einer göttlichen Verzweiflung zu sein: – er wollte nicht die Kinder seines Volkes überleben. Er kümmerte sich nicht um eine Liebe, die ihn allein retten würde und diese Tausenden, Kalb-anbetenden Brüder und Schwestern zu Staub zerfallen ließe. Doch in beiden Fällen, wie viel hätte Moses verstehen können, wenn er anstelle der Rückseite das Angesicht der Gestalt, die an ihm in der Felsspalte mitten in den donnernden Wolken des Sinai vorüberzog, gesehen hätte? Hätte diese Gestalt sich umgewandt und dieses Gesicht auf ihn gesehen, das Gesicht dessen, der mehr Mensch war als jeder andere Mensch; das Gesicht, durch welches das göttliche Empfinden sich in den kommenden Zeitaltern den Augen der Menschen zeigen würde, beugte sich, es mag gut sein, in einem solchen Augenblick, in Erwartung der Krone, mit welcher die Kinder des Volkes, für das Moses mit seinem Leben bat, es eines Tages krönen würden; das Gesicht dessen, der ihren Kummer und ihre Sorgen ertrug und noch ertragen würde, der jetzt unseren Kummer erträgt und unsere Sorgen trägt; das Gesicht des Sohnes Gottes, der, anstatt das Opfer eines seiner Geschöpfe anzunehmen, um seine Gerechtigkeit zu erfüllen oder seine Würde zu stützen, sich selbst ganz unter sie hingab und darin dem Vater, indem er seinen lieblichen Willen tat; der bis zum Tod litt, nicht, dass die Menschen nicht leiden, sondern dass ihr Leiden sein möge wie seines und sie hinführe zu seiner Vollkommenheit; wenn dieses Gesicht, so behaupte ich, sich umgewandt hätte und auf Moses gesehen, hätte Mose gelebt? Wäre er nicht gestorben, nicht wegen der Herrlichkeit, nicht aus Sorge, (Schrecken war nicht dabei), sondern wegen der blanken Sicht des Unfassbaren? Wenn das unendliche Geheimnis ihn nicht erschlagen hätte, wäre er nicht benommen davongegangen, nichts tuend, keine Aufgabe mehr habend, die er in der Welt hätte ausrichten können, weil er sieht, dass Gott für ihn völlig unbekannt ist? Deshalb wäre eine ganze Offenbarung nicht nur keine Offenbarung gewesen, sondern die Zerstörung aller Offenbarung.

„Würde es dann nicht schmerzen, zu sagen, dass Gott Liebe ist, ganz Liebe und nichts anderes als Liebe? Ist es nicht genug zu antworten, dass solches die Wahrheit ist, sie es sogar sicher ist. Nach deiner eigenen Ausführung würde zu viel Offenbarung verletzen, weil sie verwirrt und blendet.“

Da ist ein großer Unterschied zwischen einem Geheimnis Gottes, das kein Mensch versteht und einem erfassten Geheimnis Gottes, sei es nur durch einen einzelnen Menschen. Das letztere ist bereits eine Offenbarung; und wenn es durch den Geist dieses Menschen geht, wird es so vorgelegt, es mag so dürftig vorgelegt werden, dass es seine Gefährten nicht verletzt. Lasst Gott verbergen wie er will: (obwohl ich glaube, dass er das Verborgene fortlaufend beseitigt, immer alles gebend, was er kann, alles, was die Menschen aus seinen Händen empfangen können, dass er nichts verbergen will, sondern alles offenbaren,) das Licht, welches jeder Mensch empfangen hat, soll nicht unter einen Scheffel getan werden; es ist für ihn und seine Gefährten. Indem er die Saat aussät, wird er seine Hand nicht zurückhalten, weil dort Dornen und steinige Plätze und Wegränder sind. Er wird denken, dass in einigen Fällen selbst ein Vogel der Lüfte die Sache austrägt, dass die gute Saat zu viel sein mag für die Dornen, dass das, was verwelkt auf den steinigen Plätzen, dort durch seinen eigenen Zerfall tiefere Erde für die nächste Saat zurücklassen wird, um sich einzuwurzeln. Außerdem können nur jene die Lehre empfangen, die Ohren haben zu hören. Wenn der selbstsüchtige Mensch es glauben könnte, würde er es missverstehen; doch er kann es nicht glauben. Es ist nicht möglich, dass er es könnte. Doch die liebende Seele, unterdrückt durch die falsche Lehre oder durch teilweise Lehre, die behauptet, die ganze zu sein, wird hören, verstehen, jubeln.

Denn wenn wir sagen, dass Gott Liebe ist, lehren wir dann die Menschen, dass ihre Furcht vor ihm grundlos ist? Nein. Soviel sie fürchten, wird über sie kommen, möglicherweise weit mehr. Doch da ist etwas jenseits ihrer Furcht, – eine göttliche Bestimmung, der sie nicht widerstehen können, weil sie durch die menschliche Eigenart, die durch die göttliche Eigenart in ihnen erschaffen wurde, wirkt. Der Zorn wird verzehren, was sie ihr Selbst nennen; so dass die Persönlichkeiten, die Gott erschaffen hat, zum Vorschein kommen mögen, heraustreten mit dem zehnfachen Bewusstsein ihres Seins und mit sich bringend alle Segnungen des Lebens, das die Menschen versucht haben ohne Gott zu führen. Sie werden erkennen, dass sie jetzt zu ersten Mal völlig sie selbst sind. Der habgierige, ermattete, selbstsüchtige, argwöhnische alte Mensch wird vorübergegangen sein. Das junge, ewig junge Selbst, wird bleiben. Das, von dem sie dachten, es wäre ihr Selbst, wir verschwunden sein: das, was sich wie ihr Selbst anfühlte, obwohl sie ihre eigenen Gefühle missdeuteten, wird bleiben – bleiben, verherrlicht in reumütiger Hoffnung. Denn das, was nicht erschüttert werden kann, wird bleiben. Das, was unsterblich ist in Gott, wird bleiben im Menschen. Der Tod, der in ihnen ist, wird verzehrt werden.

Es ist das Gesetz der Natur – das heißt das Gesetz Gottes – dass alles, was zerstörbar ist, zerstört werden wird. Wenn das, was unsterblich ist, sich selbst verbirgt im Zerstörbaren – wenn es alle Botschaften von außen empfängt, durch die umgebende Region der Vergänglichkeit, und nichts von innen, von den Toren der Ewigkeit – kann es nicht, auch wenn es immer noch unsterblich ist, seine eigene Unsterblichkeit kennen. Das Zerstörbare muss aus ihm gebrannt werden oder beginnen, aus ihm herausgebrannt zu werden, bevor es Teil haben kann am ewigen Leben. Wenn das alles ausgebrannt und vergangen ist, dann hat es ewiges Leben. Oder vielmehr wenn das Feuer des ewigen Lebens Besitz ergriffen hat von einem Menschen, dann ist das Zerstörbare völlig vergangen und er ist rein. Vieler Menschen Werke müssen verbrannt werden, so dass sie durch dieses Verbrennen hindurch gerettet werden mögen – „wie durchs Feuer hindurch“. Hinfort durch den Rauch gehen die Herrschaften, die Rabbinerschaften der Welt und der Mensch, der sich in das Verbrennen fügt, wird durch das Feuer gerettet; denn es hat das Zerstörbare zerstört, welches der Standpunkt des Tödlichen ist, welches beides, Leib und Seele in der Hölle zerstören würde. Wenn er immer noch an dem festhält, was verbrannt werden kann, dann geht das Brennen tiefer und tiefer in seine Brust, bis es die Wurzel der Falschheit erreicht, die ihn versklavt – möglicherweise indem sie aussieht, als wäre sie die Wahrheit.

Der Mensch, der Gott liebt und noch nicht rein ist, begrüßt das Brennen Gottes. Nicht dass es immer Marter wäre. Das Feuer zeigt sich selbst manchmal nur als Licht – doch es wird immer noch das Feuer der Reinigung sein. Das verzehrende Feuer ist nur der Ursprung, die tätige Form der Reinheit, – das, was reinigt, das, was tatsächlich Liebe ist, die schöpferische Kraft Gottes. Ohne Reinheit keine Schöpfung und so auch kein Fortbestehen. Das, was nicht rein ist, ist verweslich und Verweslichkeit kann keine Unverweslichkeit erben.

Der Mensch, dessen Absichten böse sind, fürchtet das Brennen. Doch das Brennen wird nicht weniger kommen, wenn er es fürchtet oder ablehnt. Flucht ist aussichtslos. Denn Liebe ist unerbittlich. Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer. Er wird nicht herauskommen, ehe er nicht den höchsten Preis gezahlt hat.

Wenn der Mensch dem Brennen Gottes widersteht, dem verzehrenden Feuer der Liebe, erwartet ihn ein schreckliches Los und sein Tag wird kommen. Er wird in die äußerste Finsternis geworfen, die das Feuer Gottes hasst. Welch übles Entsetzen wird dann von ihm Besitz ergreifen! Denn lasst einen Menschen noch so wenig an Gott denken und sich um ihn kümmern, er existiert deshalb nicht ohne Gott. Gott ist mit ihm, ihn aufrichtend, wärmend, erfreuend, lehrend – das Leben zu einer guten Sache für ihn machend. Gott gibt ihm sich selbst, auch wenn er es nicht weiß. Doch wenn Gott sich von einem Menschen zurückzieht, sofern das gehen kann, ohne dass der Mensch aufhört zu sein; wenn der Mensch sich verlassen fühlt, in der grenzenlos schwindelnden Höhe seiner Existenz über dem Rand der Kluft seines Seins hängend, ohne Halt, ohne Zuflucht, ohne Ziel, ohne Ende – denn die Seele hat keine Waffe, mit der sie sich selbst zerstören könnte – ohne einen Atemzug der Freude, mit nichts, um das Leben gut zu machen; dann wird er in der Qual nach dem blassesten Laut des Lebens von der verschlossenen Tür lauschen; dann, wenn das Stöhnen der leidenden Menschheit jemals das Ohr der Ausgestoßenen der Finsternis erreicht, wird er bereit sein, genau ins Herz des Verzehrenden Feuers zu stürzen, um einmal noch das Leben zu kennen, dieses Entsetzen übler Verneinung, des unaussprechlichen Todes, gegen diesen Ort schmerzvoller Hoffnung einzutauschen. Die Vorstellungskraft kann uns nicht irreführen in dem Maß des Grauens, ohne Gott zu sein – diesen lebendigen Tod. Ist das nicht

schlimmer als das Schlimmste,

was gesetzlose und flüchtige Gedanken

sich an Geheul

vorstellen?

Aber mit diesem göttlichen Unterschied: dass die äußerste Finsternis nur die fürchterlichste Form des verzehrenden Feuers ist – das Feuer ohne Licht – die sichtbare Finsternis, die schwarze Flamme. Gott hat sich selbst zurückgezogen, aber nicht seinen Halt verloren. Sein Gesicht hat sich abgewandt, aber seine Hand liegt immer noch auf ihm. Sein Herz hat aufgehört im Herzen des Menschen zu schlagen, doch er erhält ihn am Leben durch sein Feuer. Und dieses Feuer wird fortfahren in ihm zu forschen und zu brennen, so wie im höchsten Heiligen, der noch nicht so rein ist wie er rein ist.

Doch zuletzt, Oh Gott, wirst du da nicht Tod und Hölle in den Feuersee werfen – gar in dein eigenes verzehrendes Selbst? Der Tod wird dann auf ewig sterben,

Und die Hölle selbst wird vergehen,

Und ihre düstere Behausung dem kommenden Tag überlassen.

Dann wirst du wirklich alles in allem sein. Denn dann werden unsere armen Brüder und Schwestern, jeder Einzelne – Oh Gott, wir vertrauen auf dich, du Verzehrendes Feuer – rein gebrannt sein und nach Hause gebracht. Denn wenn ihr Stöhnen, Myriaden von Zeitaltern weit fort, für uns den Himmel in die Hölle verwandeln würde – sollte ein Mensch denn barmherziger sein als Gott? Sollte, von all seinen Herrlichkeiten, allein seine Gnade endlich sein? Sollte ein Bruder einen Bruder mehr lieben als der VATER einen Sohn? – mehr als der BRUDER Christus seine Brüder? Würde er nicht abermals sterben, um einen Bruder mehr zu retten?

Für uns nun gilt, wir kommen zu dir, unser Verzehrendes Feuer. Und du wirst uns nicht mehr verbrennen als wir ertragen können. Doch du wirst uns verbrennen. Und obwohl es so scheint, als würdest du uns erschlagen, vertrauen wir dir auch in dem, was du noch nicht geredet hast, bis wir nach allen Möglichkeiten zuletzt die Segnungen derer erreichen, die nicht gesehen haben und doch geglaubt haben.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

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