Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

Es soll nicht vergeben werden

„Und wer da redet ein Wort wider des Menschen Sohn, dem soll es vergeben werden; wer aber lästert den heiligen Geist, dem soll es nicht vergeben werden.“ Lukas 12,10

Was immer aus dem Bereich des Denkens und des Empfindens in Worten ausgedrückt wird, wird notwendigerweise unvollkommen ausgedrückt. Denn Gedanke und Empfindung sind unendlich und menschliche Sprache, obwohl von weitreichendem Umfang und wunderbar in Feinheit, kann sie trotzdem nur annähernd und andeutungsweise verkörpern. Geist und Wahrheit sind wie Lady Una und der Ritter vom Roten Kreuz [Gestalten aus Spencers Fairy Queen]; Rede wie der Zwerg, der mit dem „Beutel der Bedarfsgegenstände“ hinter der Lady her hinkt.

Unser HERR hatte keinen Entwurf für den Aufbau eines Systems der Wahrheit in intellektuellen Formen. Die Wahrheit des Augenblicks in ihrem Verhältnis zu ihm, DIE WAHRHEIT, war, was er redete. Er redete aus dem Bereich der Wirklichkeiten heraus, welche, wie er wusste, nur angedeutet werden konnten – nicht wiedergegeben – in Formen des Intellekts und der Rede. Mit lebendigen Blitzen des Lebens und der Wahrheit durchdringen seine Worte unsere Finsternis, rütteln uns mit spitzen Stichen des Lichts auf, unsere Erweckung zu wollen, von den Toten aufzuerstehen und nach dem Licht zu rufen, welches er geben kann, nicht nur im Aufblitzen von Worten, sondern durch innewohnende Gegenwart und Macht.

Wie dann muss die Wahrheit mit jenen verfahren, die, weder Ahnung noch Einsicht habend, ein intellektuelles System auf den Worten unseres HERRN oder denen seiner Jünger aufbauen wollen? Ein kleines Kind würde Platon besser verstehen als sie Paulus verstehen. Das Verständnis in den großen Herzen derer, die unseren HERRN kannten, ist zu groß, um in ihre einzutreten. Der Sinn, den sie in den Worten finden, muss klein genug sein, um durch ihre engen Türen zu gehen. Und wenn bloße Worte, ohne die deutende Zuneigung, fast alles bedeuten mögen, wie sie es  auch könnten, was der Empfänger ihnen zuschreiben will oder kann, wie soll der Mensch, bestenfalls der Rettung der eigenen Seele zugeneigt, zum Beispiel, die Bedeutung der Worte dieses Apostels verstehen, der bereit war, selbst die Verbannung aus Christi Gegenwart in Kauf zu nehmen, damit die geliebten Brüder seines Volkes in sie eintreten könnten? Für Menschen, die nicht einfach sind, sind einfache Worte die unerklärlichsten aller Rätsel.

Wenn wir verpflichtet sind, danach zu suchen, was unser HERR meinte – und er spricht, damit wir verstehen mögen – sind wir schließlich gleichfalls dazu verpflichtet, jede Deutung, welche uns als ihm unähnlich erscheint, ihm unwürdig, abzulehnen. Er selbst sagt „Warum richtet ihr aber nicht von euch selber, was recht ist?“ In solcher Ablehnung kann es geschehen, dass, wegen Unwissenheit oder Missverstehen, wir die wörtliche Form der wahren Deutung ablehnen, doch wir können solcherart nicht den Geist und die Wahrheit dessen ablehnen, denn diese hätten wir nicht sehen können, ohne in der Lage zu sein, sie als den Geist Christi zu erkennen. Einiges Missverstehen, sage ich, einige Täuschungen oder einiges sklavische Aufrechterhalten alter Vorurteile, können uns veranlassen, die wahre Deutung abzulehnen, doch sind wir nichtsdestotrotz verpflichtet, sie abzulehnen und auf mehr Licht zu warten. Das als Willen unseres HERRN anzuerkennen, was für uns unvereinbar ist mit dem, wofür wir bereits gelernt haben ihn anzubeten, heißt einen Missklang in die Harmonie einzubringen, deren Ziel es ist, unsere Herzen zu einen und sie ganz zu machen.

„Steht es uns zu“, sagt der Gegner, der, mit einiger Willensabsicht, an das Wort abseits der Bedeutung, für die es steht, glaubt, „die Persönlichkeit unseres HERRN zu beurteilen?“ Ich antworte „Dies ist genau das, was er von uns verlangt.“ Er verlangt von uns, dass wir ihm kein Unrecht tun sollen. Er will zu uns kommen und bei uns bleiben, wenn wir unsere Kammern öffnen wollen, um ihn zu empfangen. Wie sollen wir ihn empfangen, wenn wir Beurteilung vermeiden und wir noch diese oder jene Pinselei der Autorität oder Tradition als echte Ähnlichkeiten unseres HERRN an unseren Wänden hängen haben? Ist es letztlich nicht möglich, dass wir, dadurch ein ungerechtes Urteil fällend, während wir uns selbst schmeicheln, dass wir es ablehnen zu richten, unsere Tür vor dem Meister selbst als einem Betrüger schließen, weil wir ihn nicht ähnlich dem Bild finden, das in unserer Kapelle hängt? Und wenn wir nicht urteilen – demütig und liebevoll – wer wird für uns urteilen? Besser sogar für eine Weile die Wahrheit abzulehnen, als, indem wir das in unser intellektuelles Glaubensbekenntnis aufnehmen, was unser Herz nicht empfangen kann, nicht seine echte Form sehend, Zögerlichkeit in unsere Gebete einzuführen, einen Riss in unser Lob und Kummer in unsere Liebe. Wenn es die Wahrheit ist, werden wir sie eines Tages als etwas anderes sehen, als sie jetzt erscheint, und sie lieben, weil wir sie lieblich sehen, denn alle Wahrheit ist lieblich. „Nicht für einen unbekehrbaren Geist.“ Doch zuletzt, so antworte ich, für den Geist, welcher diesen Menschen, Jesus Christus, lieben kann; und diesem Teil von uns, welcher ihn liebt, lasst uns folgen und auf seine Beurteilung lasst uns vertrauen; neben allen anderen Dingen auf sein Wachstum und seine Erleuchtung durch den HERRN hoffend, der dieser Geist ist. Besser, ich wiederhole, die richtige Form abzulehnen, als, indem man sie in ihrem Missverstehen von dem, was sie wirklich bedeutet, anerkennt, den Geist und die Wahrheit, die darin ruhen, abzulehnen. Welches von diesen, frage ich, ist der Sünde gegen den Heiligen Geist am nächsten? Die Bedeutung des Sohnes des Menschen falsch aufzufassen, mag einen Menschen wohl mit Traurigkeit erfüllen. Doch sich so wenig um ihn zu scheren, etwas als seines anzunehmen, was der edelste Teil unserer Natur als arm und niedrig zurückweist oder selbstsüchtig und falsch, das ist sicherlich mehr wie die Sünde gegen den Heiligen Geist, die nie vergeben werden kann; denn es ist eine Sünde gegen die Wahrheit selbst, nicht gegen die Verkörperung von ihr in ihm.

Für ihre volle Bedeutung hängen Worte von ihrer Quelle ab, der Person, die sie spricht. Eine Äußerung mag gar banal erscheinen, bis man gesagt bekommt, dass solcherart einer sprach, den man als immer nachdenkend, immer fühlend, immer handelnd kennt. Wenn man den Geist erkennt, aus dem die Worte hervorgehen, kennt man den Rahmen, in dem sie zu verstehen sind. So können die Worte Gottes nicht einfach dasselbe bedeuten wie die Worte des Menschen. „Können wir sie dann nicht verstehen?“ Ja, wir können sie verstehen – wir können sie mehr verstehen als die Worte der Menschen. Was immer ein gutes Wort, gebraucht von einem guten Menschen, bedeutet, es bedeutet unendlich viel mehr, wenn es von Gott gebraucht wird. Und das Empfinden oder der Gedanke, der durch dieses Wort ausgedrückt wird, nimmt höhere und höhere Formen in uns an, wie wir in die Lage kommen, ihn zu verstehen, – das heißt, wie wir werden wie er.

Ich bin weniger darum bekümmert aufzuzeigen, was die Sünde gegen den Heiligen Geist bedeutet, als aufzuzeigen, was Unvergebenheit bedeutet; obwohl ich glaube, dass wir bei einigem Verständnis von beidem ankommen werden. Ich kann mich nicht für einen Augenblick darauf einlassen, dass dort in der Bibel irgendetwas zu geheimnisvolles ist, um hineinzusehen; denn die Bibel ist eine Offenbarung, eine Entschleierung. Es ist wahr, dass ich in viele dort geäußerte Dinge nur ein Stück weit Einblick habe. Aber das kleine Stück Weg ist der Weg des Lebens; denn die Tiefe ihrer Geheimnisse ist Gott. Auch wenn man die Verpflichtung dieser Angelegenheit beiseiteschiebt und nach Rechtfertigung sucht, als wäre die Verpflichtung zweifelhaft, so gibt es Grund genug dafür, solche Abschnitte zu untersuchen, die oft Marter für menschliche Geister sind, besonders für die heiliger Frauen und Kinder. Ich kannte ein Kind, das glaubte, sie hätte die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen, weil sie beim Ankleiden einen unzulänglichen Gebrauch von einer Nadel gemacht hatte. Wagt nicht, mich dafür zu tadeln, dass ich die krankhafte Vorstellung eines Kindes in eine gewichtige Angelegenheit der Theologie einbringe. „Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet.“ Wären die Theologen in diesen Angelegenheiten nur so nahe an der Wahrheit wie die Kinder. Krankhafte Vorstellung! Das Kind wusste und war sich bewusst, dass sie wusste, dass sie falsch handelte, weil es ihr verboten worden war. Es gab einen rationalen Grund für ihre Furcht. Wie hätte Jesus das Geständnis eines solchen Herzchens empfangen? Er hätte ihr nicht gesagt, dass sie albern sei und „sich nicht kümmern“ sollte. Kind wie sie war, hätte er nicht zu ihr gesagt „Ich verdamme dich nicht: geh und sündige nicht mehr“?

Um den ersten Standpunkt zu erreichen, der für das endgültige Erringen unseres Ziels nötig ist, werde ich untersuchen, was die göttliche Vergebung bedeutet. Und um dies auf natürliche Weise zu erreichen, werde ich damit beginnen zu fragen, was die menschliche Vergebung bedeutet; denn, wenn irgendeine Bedeutung in der Fleischwerdung liegt, ist es das Menschliche, durch das wir zu dem Göttlichen aufsteigen müssen.

Ich denke nicht, dass es viel Nutzen hat, zurück zum griechischen und englischen Wort zu gehen für irgendeine ursprüngliche Idee von der Handlung – das eine bedeutet ein Wegschaffen, das andere ein Weggeben. Es genügt, wenn wir auf die Empfindungen schauen, die mit der Übung verknüpft sind, die Vergebung genannt wird.

Ein Mensch wird sagen: „Ich vergebe, aber ich kann nicht vergessen. Lasst den Kerl nie wieder unter meine Augen kommen.“ Wohin reicht solch eine Vergebung? Zu der Rücknahme oder dem Wegschaffen der Bestrafungen, welche der, dem Unrecht getan wurde, glaubt, von dem, der das Unrecht getan hat, verlangen zu können.

Doch es gibt kein Wegschaffen des Unrechtes selbst zwischen ihnen.

Wiederum wird ein Mensch sagen: „Er hat eine sehr gemeine Sache getan, doch er hat selbst das Schlimmste darin, dass er dazu in der Lage ist, so zu handeln. Ich verachte ihn zu sehr, um nach Vergeltung zu verlangen. Ich werde es nicht beachten. Ich vergebe ihn. Es kümmert mich nicht.“

Hier gibt es wieder kein Wegschaffen des Unrechts zwischen ihnen – keine Rücknahme der Sünde.

Ein Dritter wird sagen: „Ich nehme an, ich muss ihm vergeben; denn wenn ich ihm nicht vergebe, wird Gott mir nicht vergeben.“

Dieser Mensch kommt der Wahrheit ein wenig näher, insofern, als eine Ebene des Mitgefühls, obwohl nur die der gemeinsamen Sünde, zwischen dem Täter und ihm selbst erkannt wird.

Ein Weiterer wird sagen: „Er hat mir schmerzhaftes Unrecht getan. Es ist eine furchtbare Sache für mich und noch furchtbarer für ihn, dass er es getan hat. Er hat mich verletzt, doch er hat sich selbst fast getötet. Er soll daraus nicht noch mehr Schaden nehmen, wenn ich ihn bewahren kann. Ich kann nicht mehr dasselbe für ihn empfinden; doch ich werde versuchen, ihn auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das er mir getan hat und es so von ihm wegtun. Dann werde ich vielleicht wieder dazu in der Lage sein, für ihn zu empfinden wie zuvor. Für dieses Ziel werde ich ihm alle Freundlichkeit zeigen, die ich kann, sie ihm nicht aufzwingen, aber jede passende Gelegenheit dazu ergreifen; nicht, wie ich hoffe, aus dem Wunsch heraus, mich durch Großzügigkeit ihm gegenüber selbst groß zu machen, sondern weil ich ihn so sehr liebe, dass ich ihn mehr lieben will, indem ich ihn mit sich selbst versöhne. Ich will diese böse Tat, die zwischen uns gekommen ist, zerstören. Ich schaffe sie weg. Und ich will, dass er sie auch zwischen uns zerstört, indem er ihr aufs Äußerste abschwört.“

Was kommt der göttlichen Idee der Vergebung am nächsten? Näher trotz der Kluft, durch die die Himmel höher sind als die Erde?

Denn das Göttliche erschafft das Menschliche, hat die schöpferische Kraft über das Menschliche. Es ist die Göttliche Vergebung, die, sich selbst hervorbringend, unsere Vergebung erschafft und deshalb so viel mehr tun kann. Sie kann all unser Unrecht aufnehmen, großes und kleines, mit seiner gerechten Anteilnahme an Trauer und Kummer, und sie forttragen zwischen Gott und uns.

Christus ist Gottes Vergebung.

Ehe wir ein wenig näher an diese großartige Sichtweise herangehen, lasst uns die menschliche Vergebung in einer eindeutigeren Verkörperung betrachten – wie der zwischen einem Vater und einem Sohn. Denn obwohl Gott so viel mehr für uns ist und uns so viel näher kommt, als ein Vater sein oder kommen kann, ist doch die Vaterschaft die letzthöchste menschliche Stufe, von der aus wir ihn weit entfernt sehen können und worin unsere Herzen zuerst wissen können, dass er nahe ist, selbst in ihnen.

Es gibt verschiedene Arten und Abstufungen des Unrechttuns, welche verschiedene Arten und Abstufungen der Vergebung benötigen. Ein Wutausbruch bei einem Kind, zum Beispiel, benötigt kaum Vergebung. Das Unrecht darin mag so klein sein, dass die Eltern das Kind nur zur Selbstbeherrschung anhalten müssen und das Erwachen des Willens gegen das Unrecht. Der Vater wird nicht empfinden, dass solch ein Fehler irgendeine Barriere zwischen ihm und seinem Kind errichtet hätte. Doch nehmen wir an, dass er in ihm eine Gewohnheit von listiger Grausamkeit gegen seine jüngeren Geschwister oder gegen die Tiere des Haushaltes entdeckt hat, wie anders würde er empfinden! Könnte seine Vergebung dieselbe sein wie im ersten Fall? Würde nicht die andere Form des Bösen eine andere Form der Vergebung erfordern? Ich meine, würde die Vergebung nicht die Form der Art von Bestrafung annehmen, die geeignet ist für die Zurechtweisung, in der Hoffnung, letztlich die Bösartigkeit auszumerzen? Wäre echte Liebe in irgendeiner anderen Form der Vergebung als in dieser? Ein Durchgehenlassen des Verstoßes mag aus einer armseligen menschlichen Freundlichkeit entspringen, doch niemals aus göttlicher Liebe. Es wäre keine Rücknahme. Vergebung kann niemals Gleichgültigkeit sein. Vergebung ist Liebe gegen das nicht liebenswerte.

Lasst uns ein wenig näher darauf schauen, wie ein Vater empfindet und seine Empfindungen ausdrückt. Das eine Kind würde der Vater, in dem Moment, wo der Fehler begangen wurde, an seine Brust drücken, wissend, dass genau diese Liebe in ihrem natürlichen Ausdruck den Fehler in ihm zerstören würde und dass es im nächsten Augenblick weinen würde. Der Hass des Vaters für die Sünde würde in seine mitleidige Zärtlichkeit dem Kind gegenüber ausbrechen, was so bekümmert darüber ist, diese Sünde getan zu haben, und sie so zerstören. Der Fehler eines solchen Kindes würde also keine Unterbrechung des Austausches süßer Zuneigungen verursachen. Dem Kind wird sofort vergeben. Doch die Behandlung eines anderen nach demselben Prinzip wäre völlig verschieden. Wenn es sich der Niederträchtigkeit, Gemeinheit, Selbstsucht, Täuschung, Selbstverherrlichung schuldig gemacht hätte in dem Bösen, das es über andere gebracht hat, müsste der Vater zu sich selbst sagen: „Ich kann ihm nicht vergeben. Das ist jenseits der Vergebung.“ Er müsste es so sagen und fortfahren, es zu sagen, während er die ganze Zeit danach strebte, die Vergebung ihren Weg finden zu lassen, dass sie es aus der Kluft heben möge, in die es gefallen ist. Seine Liebe müsste noch größer werden, wegen des Umherirrens und des Verlustes seines Sohnes. Denn Liebe ist göttlich und also ist sie am göttlichsten, wenn sie entsprechend der Nöte und nicht entsprechend der Verdienste liebt. Doch die Vergebung wäre dabei im Verlauf, sozusagen, oder dabei, sich dem Sünder anzunähern. Bis sein sich öffnendes Herz die göttliche Flut der zerstörenden Zuneigung empfangen hat und seine eigene Zuneigung ausbricht, um ihr zu begegnen und das Böse fortzuschwemmen, kann nicht gesagt werden, dass es beendet ist, angekommen ist, kann dem Sohn gesagt werden, dass ihm vergeben sei.

Gott vergibt uns jeden Tag – zwischen ihm und uns unsere Sünden wegschaffend und ihren Nebel und ihre Finsternis. Seid Zeuge seiner scheinenden Sonne und vom Fallen seines Regens, das Sättigen der Herzen mit Nahrung und Freudigkeit, dass er die liebt, die ihn nicht lieben. Wenn Sünde, die wir begangen haben, unseren ganzen Horizont bewölkt hat und ihn vor unseren Augen verborgen hat, wischt er, uns vergebend, ehe uns und damit uns vergeben ist, einen Pfad für seine Vergebung frei, damit sie unsere Herzen erreicht, dass sie, indem sie unsere Umkehr bewirkt, das Unrecht zerstört und uns sogar dazu in die Lage versetzt, uns selbst zu vergeben. Denn einige sind zu stolz, um sich selbst zu vergeben, bis die Vergebung Gottes mit ihnen fertig geworden ist, ihren Stolz in den Tränen der Reue ertränkt hat und ihr Herz wieder wie das Herz eines kleinen Kindes hat werden lassen.

Doch wenn wir also auf die Vergebung schauen als auf die Vervollkommnung eines Werkes, das sich immer fortsetzt, als die Berührung von Gottes und unserem Herzen, trotz und in der Zerstörung  allen dazwischenkommenden Unrechts, können wir sagen, dass Gottes Liebe immer vor seiner Vergebung liegt. Gottes Liebe ist die wesentliche Triebkraft, stets danach strebend, seine Vergebung zu vervollkommnen, welche als letztes den menschlichen Stand für ihre Vollendung benötigt. Die Liebe ist vollkommen, die Vergebung bewirkend. Gott liebt, wo er noch nicht vergeben kann – wo Vergebung im vollen Sinne einfach noch nicht möglich ist, weil keine Berührung der Herzen möglich ist, weil das, was dazwischen liegt, noch nicht begonnen hat, sich dem Kehrbesen seiner heiligen Zerstörung zu beugen.

Einige Dinge also zwischen dem VATER und seinen Kindern, wie zwischen einem Vater und seinem Kind, mögen vergleichsweise und in gewissem Sinne gering geachtet werden – ich meine nicht für sich selbst gering geachtet: sie müssen weg – insoweit, als Bösartigkeiten oder Sünden, obwohl sie da sind, noch Raum lassen für das Innewohnen von Gottes Geist im Herzen, das Böse vergebend und wegwaschend. Wenn eines Menschen Böses solcherart aus ihm weicht und er besser und besser wird, das ist die Vergebung, die mehr und mehr in ihn kommt. Vollkommen in Gottes Willen, vollbringt sie ihr vollkommenes Werk im Geist des Menschen. Wenn der Mensch mit seiner ganzen Natur seine Sünde wegwirft, gibt es keinen Raum mehr für die Vergebung, denn Gott wohnt in ihm und er in Gott. Mit der Stimme Nathans „Du bist der Mann“ erfasste die Vergebung Gottes David, das Herz des Königs wurde gedemütigt in den Staub; und als er solcherart aus seiner moralischen Trägheit erwachte, die ihn befallen hatte, entdeckte er, dass er immer noch bei Gott war. „Wenn ich erwache“, sagt er „Bin ich immer noch bei dir.“

Doch es gibt zwei Sünden, nicht einzelner Taten, sondern geistlichen Zustandes, welche nicht vergeben werden können; das heißt, wie mir scheint, welche nicht entschuldigt werden können, übersehen werden, nicht klein gemacht selbst durch die Zärtlichkeit Gottes, insofern, als sie nicht erlauben, dass die Vergebung in die Seele gelangt, sie werden keinen guten Einfluss neben sich wirken lassen; sie schließen Gott ganz und gar aus. Deshalb kann der Mensch, der ihrer schuldig ist, in sich niemals den heiligen, erneuernden, rettenden Einfluss von Gottes Vergebung empfangen. Gott ist in jedem Sinne außerhalb von ihm, außer in dem, der in seinem schöpferischen Verhältnis zu ihm steht, durch das, Dank sei Gott, er immer noch einen Halt an ihm hat, obwohl gegen den Willen des Menschen, dem nicht vergeben wird. Die eine dieser Sünden ist gegen Menschen; die andere gegen Gott.

Die erstere ist Unvergebenheit unserem Nächsten gegenüber; sein Ausschließen von unseren Barmherzigkeiten, von unserer Liebe – also vom Universum, insoweit wir ein Teil dessen sind – das Töten also unseres Nächsten. Es wäre ein unendlich geringeres Böses, einen Menschen zu ermorden, als es abzulehnen, ihm zu vergeben. Das erstere mag ein Akt augenblicklicher Leidenschaft sein; das letztere ist die Wahl des Herzens. Es ist geistlicher Mord, das Schlimmste, zu hassen, über dem Empfinden zu brüten, das ihn ausschließt, das, in unserem Mikrokosmos, das Bild, die Idee des Gehassten tötet. Wir lauschen der Stimme unseres eigenen verletzten Stolzes oder verletzter Zuneigung (nur das letztere, ohne die Annahme des ersteren, ersinnt kein Böses), der Verletzung durch den Übeltäter. Insoweit wir es können, löschen wir die Lebensbeziehungen zwischen uns; wir verschließen den Durchgang der möglichen Rückkehr. Das heißt Gott auszuschließen, das Leben, den Einen. Denn wie können wir die vergebende Gegenwart empfangen, während wir unseren Bruder von unserem Anteil der allumfassenden Vergebung ausschließen, solcherart ablehnend, Gott Alles in Allem sein zu lassen? Wenn Gott uns erscheinen würde, wie könnte er sagen „Ich vergebe dir“, während wir unserem Nächsten gegenüber unvergebend bleiben? Nehmt an, es ist möglich, dass er es so sagt, seine Vergebung würde uns nichts nützen, während wir nicht von unserer Unvergebenheit geheilt sind. Sie würde uns nicht berühren. Sie würde uns nicht nahe kommen. Nein, sie würde uns verletzen, denn wir würden uns selbst sicher und gut wähnen, während das Grauen der Krankheit unser Herz aus uns herausfressen würde. Zehnfach liegt die Vergebung in den Worten „Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.“ Diese Worte sind tatsächlich Güte. Gott hält den unvergebenden Menschen in seiner Hand, doch wendet sein Gesicht weg von ihm. Wenn er, in seinem Wunsch, das Gesicht seines VATERS zu sehen, sein eigenes Gesicht seinem Bruder zuwendet, dann wendet sich das Gesicht Gottes um und sucht seines, denn dann mag der Mensch zu Gott aufschauen und nicht sterben. Mit unserer Vergebung unserem Nächsten gegenüber fließt das Bewusstsein der Vergebung Gottes in uns; oder auch durch das Bemühen sind wir dazu in der Lage zu glauben, dass Gott uns vergeben kann. Kein Mensch, der seinem Nächsten nicht vergibt, kann glauben, dass Gott willens ist, ja, wünscht, ihm zu vergeben, kann glauben, dass die Taube des Friedens Gottes über einem verwirrten Herzen schwebt, sich gerne niederließe, aber keinen Ruheplatz für die Sohle ihres Fußes findet. Denn wenn Gott zu solch einem Menschen sagt „Ich kann dir nicht vergeben“, ist es sowohl Liebe als auch Notwendigkeit. Wenn Gott „Ich vergebe dir“ sagen würde zu einem Menschen, der seinen Bruder hasste und wenn (wie es unmöglich ist) diese Stimme der Vergebung den Menschen erreichen sollte, was würde es ihm bedeuten? Wie würde der Mensch es auslegen? Würde es ihm nicht bedeuten „Du magst weiter hassen. Ich kümmere mich nicht darum. Du hast ein großes Ärgernis gehabt und bist gerechtfertigt in deinem Hass“? Ohne Zweifel zieht Gott in Betracht, welches Unrecht da ist und welches Ärgernis da ist; doch je mehr Ärgernis, zu desto mehr Verzeihung drängt der Hass, desto mehr Grund, wenn möglich, dass der Hasser aus der Hölle seines Hasses befreit wird, dass Gottes Kind zu dem liebenden Kind gemacht wird, das er meinte, dass er sein sollte. Der Mensch würde denken, dass Gott nicht den Sünder liebt, sondern, dass er die Sünde vergab, welche Gott niemals vergibt. Jede Sünde begegnet ihrem vorbestimmten Schicksal – unerbittliche Verbannung aus dem Paradies von Gottes Menschheit. Er liebt den Sünder so sehr, dass er ihm in keiner anderen Weise vergeben kann, als den Dämon, der ihn besetzt, aus seinem Busen zu verbannen, indem er ihn aus diesem Sumpf seiner Ungerechtigkeit heraushebt.

Niemand indessen nehme für einen Augenblick an, dass ein Mensch, der einmal abgelehnt hat, seinem Bruder zu vergeben, deshalb zu endloser Unvergebenheit und Nichtvergebung verdammt sein wird. Was gemeint ist, ist, dass während ein Mensch fortfährt in solcher Gesinnung, Gott nicht mit ihm sein kann als sein Freund; nicht, dass er nicht sein Freund sein will, sondern dass die Freundschaft allein auf einer Seite sein wird – der Gottes – solche Formen annehmen muss, wie der Mensch nicht in der Lage sein wird, sie als Freundschaft zu erkennen. Vergebung, wie ich gesagt habe, ist nicht bloß Liebe, sondern Liebe vermittelt als Liebe an den Irrenden, auf diese Weise Frieden zu Gott herstellend und Vergebung gegen unseren Nächsten.

Um zu unserem augenblicklichen Text zurückzukehren: Enthält die Ablehnung der Vergebung in sich eine Verdammung zu unwiederbringlicher Unbußfertigkeit? Eine seltsame Gerechtigkeit wäre die Verordnung, dass, weil ein Mensch Unrecht getan hat – lasst uns sagen, er hat so oft Unrecht getan und so viel, dass er unrecht ist – er für immer unrecht bleiben soll! Erzählt mir nicht, dass die Verdammung nur negativ ist – einen Menschen den Folgen seines eigenen Willens zu überlassen oder als höchstes von ihm den Geist abzuziehen, den er verachtet hat. Gott wird keine Zuflucht hinter solch einer Schwindelei der Logik und Metaphysik nehmen. Er ist weder Schulmeister noch Theologe, sondern unser VATER im Himmel. Er weiß, dass dies in ihm dieselbe Unvergebenheit wäre, wegen der er es ablehnt, dem Menschen zu vergeben. Der einzige vertretbare Grund, solch eine Lehre zu unterstützen, ist, dass Gott nicht mehr tun kann; dass Satan überwunden hat; und dass Jesus unter seinen eigenen Brüdern und Schwestern nach dem Bild Gottes weniger stark gewesen ist als der Ankläger, der Zerstörer. Was sollte ich dann von solch einer Lehre der Teufel wie dieser sagen, dass selbst wenn ein Mensch Buße getan hat, Gott ihm nicht vergeben könnte oder wollte?

Lasst uns auf die unentschuldbare Sünde schauen, wie dieses Geheimnis gemeinhin genannt wird, und sehen, was wir finden können, um es zu verstehen.

Alle Sünde ist unentschuldbar. Es gibt keinen Kompromiss mit ihr. Wir werden nicht herauskommen, ohne sauber zu sein, ohne den äußersten Preis bezahlt zu haben. Doch die besondere Unentschuldbarkeit jener Sünden, der einen, von welcher ich gesprochen habe und der, welche wir jetzt betrachten, liegt in ihrem Ausschließen Gottes von seinem wohlwollenden, seinem insbesondere geistlichen Einfluss auf den Menschen. Im Fall der ersteren Sünde habe ich es möglicherweise zu stark ausgedrückt; möglicherweise hat die Liebe Gottes einigen Anteil selbst in dem Menschen, der seinem Bruder nicht vergeben will, obwohl, wenn er fortfährt nicht zu vergeben, dieser Anteil kleiner werden und absterben muss; möglicherweise lässt Groll gegen unseren Bruder noch für eine Weile Raum für einigen göttlichen Einfluss neben ihm, obwohl entweder das eine oder das andere sich eilig beugen muss; doch der Mensch, der die Wahrheit leugnet, der bewusst der Verpflichtung widersteht, der sagt, dass es keine Wahrheit gibt oder dass die Wahrheit, die er sieht, nicht wahr ist, der sagt, dass das, was gut ist, von Satan kommt oder das, was schlecht ist, von Gott, vorausgesetzt, dass er weiß, dass es gut oder schlecht ist, leugnet den Geist, schließt den Geist aus und ihm kann deshalb nicht vergeben werden. Denn ohne den Geist kann keine Vergebung in den Menschen kommen, um den Satan auszutreiben. Ohne den Geist, der seinem Geist Zeugnis gibt, könnte kein Mensch wissen, dass ihm vergeben ist, selbst wenn Gott ihm erschiene und so sagte. Die völlige Vergebung ist, wie ich gesagt habe, wenn ein Mensch empfindet, dass Gott ihm vergibt; und dies kann nicht sein, während er sich selbst gegen das Wesen von Gottes Willen stellt.

Soweit wir sehen können, waren die Männer, zu denen dies gesagt wurde, Männer, die der Wahrheit widerstanden, mit einer gewissen Vorstellung davon, dass es die Wahrheit war; Männer, die weder von Leidenschaften in die Irre geführt wurden, noch insgesamt geblendet von ihren reichlichen Vorurteilen; Männer, die nicht getrieben waren, eine Form der Wahrheit zu verdammen wegen der Liebe, die sie für eine andere Form von ihr hatten; sondern Männer, durch Selbstsucht und Liebe zu ihrem Einfluss, eingenommen gegen einen, von dem sie sahen, dass er ein guter Mann war, so dass sie die Güte dessen leugneten, von dem sie wussten, dass es gut war, um den Mann herabzusetzen, von dem sie wussten, dass er gut war, weil Er gegen sie gesprochen hatte und ihren Einfluss und ihre Autorität beim Volk schädigte, indem er erklärte, dass sie nicht besser waren, als sie selbst wussten, dass sie waren. Besteht darin nicht, Satan zu sein? In der Hölle zu sein? Verdorbenheit zu sein? Das zu sein, was verdammt ist? War nicht dieser ihr Zustand unentschuldbar? Wie, durch all dieses Maß an Falschheit, könnte das Verzeihen Gottes das Wesen ihrer Menschlichkeit darin erreichen? So sehr es nach Gottes Vergebung rief, hatten diese Männer beinahe ihre Menschlichkeit von sich selbst abgetrennt, hatten Teil genommen an den Kräften der Finsternis. Vergebung während sie solcherart waren, war eine Unmöglichkeit. Nein. Heraus aus diesem mussten sie kommen, sonst gab es kein Wort Gottes für sie. Doch genau das Wort, das ihnen von dem unentschuldbaren Zustand, in dem sie waren, erzählte, war gerade die eine Form, die die Stimme der Gnade annehmen konnte, um sie zur Buße zu rufen. Sie mussten hören und sich fürchten. Ich wage nicht zu, kann nicht denken, dass sie die Wahrheit ablehnten, indem sie vollständig wussten, was sie war; doch ich denke, dass sie die Wahrheit ablehnten, indem sie wussten, dass sie wahr war – nicht getrieben, wie ich gesagt habe, durch wilde Leidenschaft, doch von kalter Selbstliebe und Neid und Gier und Ehrgeiz; nicht bloß wissend Unrecht tun, sondern ihre ganzen Naturen wissend gegen das Licht stellend. Von dieser Natur musste die Sünde gegen den Heiligen Geist sicherlich sein. „Das ist aber das Gericht [die Verdammung]“ (nicht die Sünden, die die Menschen begangen haben, sondern der Zustand des Geistes, in welchem sie wählten zu bleiben) „dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse.“ In dieser Sünde gegen den Heiligen Geist sehe ich nicht nur einen einzigen Akt, obwohl sie in vielen Akten ihren Ausdruck finden muss, sondern einen willentlichen Zustand des Geistes,

So weit entfernt von Gott und Licht des Himmels,

Wie dreimal von der Mitte zum äußersten Punkt.

[Verse aus „Paradise Lost“ von Milton]

Dafür gibt es keine Entschuldigung, wie dass auch nur ein bisschen Licht daneben wirken könnte; denn dort könnte kein Licht Eingang finden und Raum; Licht war genau das, wogegen ein solcher Geist gesetzt war, nahezu weil er war, was er war. Der Zustand war durch und durch schlecht.

Doch kann ein Mensch wirklich in solch einen Zustand geistlicher Verderbtheit fallen?

Das ist meine Hauptschwierigkeit. Doch ich denke, es kann sein. Und weisere Leute als ich haben so gedacht. Ich habe Schwierigkeit, es zu glauben, sage ich; doch ich denke, es muss so sein. Doch ich glaube nicht, dass es ein feststehender, ein endgültiger Zustand ist. Ich sehe nicht, warum er mehr solcherart sein soll als der des Menschen, der seinem Nächsten nicht vergibt. Wenn ihr sagt, dass es ein schlimmeres Vergehen ist, sage ich, ist es zu schlimm für die Vergebung Gottes?

Doch ist Gott noch in der Lage, irgendetwas mit dem Menschen zu tun? Oder wie kann der Mensch jemals aus diesem Zustand herauskommen? Wenn der Geist Gottes aus seinem Herzen ausgeschlossen ist, wie kann er besser werden?

Der Geist Gottes ist der Geist, dessen Einfluss erkannt wird, indem er unserem Geist Zeugnis gibt. Doch kann es nicht andere Mittel und Wege des Geistes geben, die vorbereitend sind auf dieses sein höchstes Amt beim Menschen? Gott, der uns geschaffen hat, kann niemals weit von irgendeinem Menschen sein, der den Atem des Lebens einsaugt – nein, er muss in ihm sein; nicht notwendigerweise in seinem Herzen, wie wir sagen, doch immer noch in ihm. Kann nicht also eines Tages eine furchtbare Erschütterung aus der Mitte seines Daseins, ein furchtbares Erdbeben in den verborgenen Klüften seiner Natur, solch einen Menschen schütteln, so dass durch all die Taubheit seines Todes die Stimme des Geistes schwach gehört wird, die leise, sanfte Stimme, die nach dem Sturm und dem Erdbeben kommt? Mag es nicht ein Feuer geben, das selbst solche fühlen können? Wer will Grenzen setzen dem verzehrenden Feuer unseres Gottes und der Reinigung, die ihm innewohnt?

Die einzige Aussage, an die ich denken kann, welche mit Gewicht haben würde gegen diese Schlussfolgerung, ist, dass die Abscheu des Empfindens in jedem, der solcherart gegen die Wahrheit gesündigt hat, wenn er einst dazu gebracht ist, seine Sünde zu erkennen, so furchtbar wäre, dass das Leben niemals mehr erträglich wäre und das freundlichste, was Gott tun könnte, wäre, solch einen Menschen auszulöschen, weil es besser für ihn gewesen wäre, niemals geboren worden zu sein. Doch der, der solch einen Menschen dazu bringen könnte, Buße zu tun, könnte ihn so bekümmert und bescheiden machen und so froh, dass er Buße getan hat, dass er wünschen würde, für immer zu leben, damit er ewig Buße tun und ewig lobpreisen könnte die Herrlichkeit, die er nun schaut. Wenn ein Mensch das Selbst aufgibt, werden seine vergangenen Sünden ihn nicht mehr unterdrücken. Es ist genug für die Lebensgüte, dass Gott lebt, dass der All-vollkommene existiert und dass wir ihn schauen können.

„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ sagt der Göttliche, seine Mörder entschuldigend, nicht als alles vorüber war, sondern in genau dem Augenblick, als er durch ihre Hände starb. Da hatte Jesus ihnen bereits vergeben. Sein Gebet musste vom VATER erhört worden sein, denn er und der SOHN sind eins. Als es der VATER vollbrachte, sein Gebet zu beantworten, da brach seine Vergebung in den Herzen der Mörder in Kummer, Buße und Glauben aus. Das hier war sicher eine Sünde, die schrecklich genug war – doch leicht zu vergeben für unseren HERRN. All dieses Verzeihen für die fehlgeleitete Bevölkerung! Christus dem Herrn, dir sei Dank dafür! Das war dir ähnlich! Doch müssen wir glauben, dass Judas, der Buße tat sogar bis zur Agonie, der Buße tat, so dass sein hoch geschätztes Leben, sein Selbst, seine Seele wertlos wurden in seinen Augen und keine Gnade erfuhren durch die eigene Hand, – müssen wir glauben, dass er keine Gnade fand in einem solchen Gott? Ich denke, als Judas aus seinem erhängten und gefallenen Leib entfloh, floh er zur zärtlichen Hilfe Jesu und fand sie – ich weiß nicht wie. Er war jetzt in einem viel hoffnungsvolleren Zustand als in jedem Augenblick seines vergangenen Lebens, denn er hatte nie zuvor Buße getan. Doch ich glaube, dass Jesus Judas liebte, selbst als er ihn mit dem Kuss des Verräters küsste; und ich glaube, dass er immer noch sein Retter war. Und wenn irgendjemand mich an seine Worte erinnert „Es wäre gut für diesen Mann gewesen, wenn er nie geboren wäre“, ich habe sie nicht vergessen, obwohl ich weiß, dass ich nun nichts außer einer mutmaßlichen Erklärung für sie darbiete, wenn ich sage: Judas hatte nichts von dem Guten der Welt, in die er hineingeboren worden war. Er hat nicht die Erde geerbt. Er hat ein böses Leben gelebt, außerhalb der Harmonie mit der Welt und ihrem Gott. Seine Liebe zu ihm war vergeblich. Er wurde zu dem Sohn Gottes gebracht und hat mit ihm gelebt als sein eigener, vertrauter Freund; und er hat ihn nicht mehr, sondern weniger als sich selbst geliebt. Deshalb ist alles nutzlos gewesen. „Es wäre gut für diesen Mann gewesen, wenn er nie geboren wäre“; denn es musste alles noch einmal versucht werden, auf eine andere Weise – geringer vielleicht, in irgendeiner anderen Welt, in einer niedrigeren Schule. Er musste die Leiter der Schöpfung hinunter geschickt werden, welche stetig aufsteigt zu ihrem Schöpfer. Doch ich werde nicht, kann nicht glauben, Oh mein HERR, dass du deinem Feind nicht vergeben würdest, gerade wenn er Buße tat und es dir recht machte. Noch werde ich glauben, dass dein heiliger Tod zu kraftlos war, um deinen Feind zu retten – dass er Judas nicht erreichen konnte. Haben wir nicht von denen gehört, deine Eigenen, gelehrt von dir, die ihren Verrätern in deinem Namen leicht vergeben konnten? Und wenn du vergibst, wird deine Vergebung nicht zu guter Letzt ihren Weg finden zu Erlösung und Reinigung?

Schaut für einen Augenblick auf den Satzteil, der meinem Text vorausgeht: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes.“ Was bedeutet das? Bedeutet es – „Ah! Du bist mein, aber nicht von meiner Art. Du leugnetest mich. Hinfort in die äußerste Finsternis.“? Nicht so. „Es soll ihm vergeben werden, der gegen den Sohn des Menschen redet“; denn Er ist die offenbarte Wahrheit außerhalb von ihm. Er muss nur Scham vor dem Universum des liebenden Gottes haben und wird das Feuer, das brennt und nicht verzehrt, nötig haben.

Doch der, der gegen den Geist der Wahrheit spricht, gegen den Sohn Gottes offenbart innerhalb von ihm, der nun ist jenseits der Lehre dieses Geistes. Denn wie soll ihm vergeben werden? Die Vergebung würde ihn nicht mehr als eine Mauer aus Steinen berühren. Lasst ihn wissen, was es heißt, ohne den Gott zu sein, den er verleugnet hat. Hinfort mit ihm in die Äußerste Finsternis! Vielleicht wird ihn das zur Buße bringen.

Meine Freunde, ich biete dies nur als einen Beitrag zum Verständnis der Worte unseres HERRN an. Doch wenn wir ihn fragen, wird er uns in alle Wahrheit leiten. Und lasst uns nicht Angst haben nachzudenken, denn er wird es nicht übel nehmen.

Doch was ich gesagt habe, muss zumindest ein Teil der Wahrheit sein.

Kein Maß an Erkenntnis in seinen Worten kann uns mehr sagen als das, was wir erkannt haben, mehr als das, was wir gesehen haben und von dem wir wissen, dass es wahr ist. Denn alle Hilfe, die die besten seiner Jünger uns geben können, ist nur, damit wir erkennen, für uns selbst sehen. Und jenseits all unserer Erkenntnis in seinen Worten und seinem Wesen liegen Tiefen über Tiefen, die wir nicht verstehen können und die wir doch stetig verstehen werden. Ja, selbst jetzt scheinen wir manchmal schwache Einblicke in Regionen zu haben, aus welchen wir keine Worte mitbringen können.

Die Tatsache, dass einige Dinge für uns so viel einfacher geworden sind als sie waren und dass großartige Wahrheiten aus dem gekommen sind, was einst gewöhnlich aussah, ist Grund genug für die Hoffnung, dass solches fortfahren wird unsere Erfahrung zu sein durch all die Zeitalter, die kommen werden. Unser Fortschritt aus unserer einstigen Unwissenheit kann nur einen kleinen Teil der Entfernung ausmachen, die zwischen unserer Kindheit und unserer Mannhaftigkeit liegt und immer liegen muss, zwischen unserer Liebe und seiner Liebe, zwischen unserer Trübheit und seiner mächtigen Schau. Zu ihm werden wir einst alle kommen, alle Kinder, immer noch Kinder, mehr Kind als zuvor, um von seiner Hand zu empfangen den weißen Stein und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

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Über beatricegriguhn

Jesus liebende, exzessiv Tee trinkende, Bücher verschlingende Künstlerin mit Hang zu diversen Skurrilitäten

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