Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

Der neue Name

„Wer überwindet, dem will ich geben einen weißen Stein und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt.“ (Offenbarung 2, 17)

Ob das Buch der Offenbarung vom selben Mann geschrieben ist, der das Evangelium nach Johannes schrieb, oder nicht, es gibt letztlich ein Element, das beiden gemein ist – die Mystik.

Ich gebrauche das Wort Mystik als Darstellung einer bestimmten Art, die Wahrheit zu verkörpern, in verschiedenen Abstufungen fast allen, wenn nicht gar allen Schreibern des Neuen Testamentes gemein. Der Versuch, es gründlich zu definieren, würde nach einem eigenen Aufsatz [Essay] verlangen. Ich will nur eine Annahme in dieser Richtung riskieren: Ein mystischer Geist ist einer, der wahrgenommen hat, dass der höchste Ausdruck, den die Wahrheit zulässt, in der Sinnbildlichkeit der Natur und der menschlichen Gebräuche, die aus menschlichen Notwendigkeiten folgen, liegt und den Gedanken über die so verkörperte Wahrheit verfolgt, indem er mit den Sinnbildern selbst nach logischen Formen verfährt. Dies ist die höchste Art, die tiefste Wahrheit zu vermitteln; und der HERR selbst gebrauchte sie oft, wie, zum Beispiel, in dem gesamten Abschnitt, der mit den Worten endet „Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!“

Die Mystik im Evangelium nach Johannes ist von  der einfachsten und deshalb edelsten Natur. Kein Bewohner dieses Planeten kann sich ein Verfahren zur Verkörperung der Wahrheit vorstellen, das reiner, erhabener, wahrer im Verhältnis zur verkörperten Wahrheit wäre. Es mag höhere Verfahren in anderen Welten geben oder auch nicht – ich weiß es nicht; doch von all unseren Verfahren sind diese Formen die besten Veranschaulichungen des Höchsten. Offenbar befähigte die Mystik in Johannes eigener Natur ihn, mit hinreichender Genauigkeit die Worte unseres HERRN zu erinnern und zu berichten, immer, scheint mir, mit einer erkennbar verschiedenen Art von der irgendeines anderen Schreibers des Neuen Testamentes – hauptsächlich vielleicht in der Einfachheit ihrer poetischen Mystik.

Doch die Mystik im Buch der Offenbarung ist komplizierter, prächtiger, weniger poetisch und gelegentlich, denke ich, vielleicht eigenwillig oder sich der Eigenwilligkeit annähernd; es erinnert einen, in einem Wort, an die Mystik Swedenborgs [schwedischer Theologe und Mystiker des 18. Jahrhunderts]. Sowohl historische als auch literarische Kritik beiseite schiebend, in welchen beiden ich in Hinsicht auf die Autorschaft dieser beiden Bücher nicht einmal ein Recht auf eine Meinung habe, würde ich wagen zu behaupten, dass der Unterschied ihres Tones möglicherweise nur das ist, was man erwarten würde, wenn der Historiker eines mystischen Lehrers und der Berichterstatter seiner mystischen Aussprüche, dazu fortschreitet, seine eigenen Gedanken, Empfindungen und Eingebungen zu verkörpern; das heißt, wenn die Offenbarung nicht mehr länger von den Lippen des Meisters fließt, sondern durch eigenes Herz, Seele und Hirn des Jüngers. Denn sicherlich wagen selbst die götzendienerischsten unter unseren Bibel-anbetenden Brüdern und Schwestern nicht zu behaupten, daß der Geist Gottes ebenso frei spricht durch die Lippen des windgeschüttelten, schilfartigen Petrus oder durch die des Thomas, der seinen eigenen Augen glaubt, aber nicht dem Wort seiner Brüder, noch der Natur seines Meisters, wie durch die Lippen Dessen, der blind und taub war gegen alles außer gegen den Willen dessen, der in sandte.

Wahrheit ist Wahrheit, ob von den Lippen Jesu oder Bileams [falscher Prophet im Alten Testament, der Gottes Volk verfluchen sollte, es aber segnen musste, gezwungen von Gott, die Wahrheit auszusprechen]. Doch im tiefsten Sinne ist die Wahrheit ein Zustand des Herzens, der Seele, des Geistes und der Stärke zu Gott und unserem Gefährten – nicht eine Äußerung, nicht einmal eine richtige Form der Worte; und deshalb ist solche Wahrheit, die in Worten hervorbricht, in gewissem Sinne die Person, die spricht. Und viele der Äußerungen in der Offenbarung, gemeinhin als die des Johannes bezeichnet, sind nicht bloß erhaben in ihrer Form, sondern tragen in sich die Überzeugung, dass der Schreiber nicht nur eine „Posaune der Prophetie“ war, sondern redete, was er wusste und bezeugte, was er gesehen hatte.

In diesem Abschnitt über die Gabe des weißen Steins, denke ich, finden wir das Wesen der Religion.

Welcher Gedanke in Bezug auf den weißen Stein im Geist des Schreibers war, denke ich, ist von vergleichsweise geringer Bedeutung. Ich nehme den Stein eher für eine Eigenwilligkeit und Phantasie als für wahre mystische Vorstellung, obwohl er für das Hervorbringen des mystischen Gedankens, mit dem er sich befasst, von hoher und ehrenvoller Würdigkeit ist. Denn die Phantasie selbst wird der wahren Vorstellung des Mystischen dienlich und auf diese Weise verherrlicht. Ich bezweifle, ob der Schreiber selbst irgendeine wesentliche Bedeutung damit verband. Ich glaube sicher nicht, dass er solch einen armseligen Gedanken dabei hatte wie an den eines Abstimmungs-Steins [wörtl. „Wahl-Kiesel“ – Anspielung auf das Athenische Scherbengericht zur Verbannung einer Person aus der Polis] – weiß, weil der Mann, der ihn empfängt, angenommen oder auserwählt ist. Das Wort wird in ähnlicher Weise für einen wertvollen Stein, als Juwel gebraucht, benutzt. Und der Schreiber dachte in mystischer Weise daran, eine Form, die viel eher einen Bezug zur Natur als zu politischen Bräuchen beinhaltet. Was seine mystische Bedeutung sein mag, muss von verschiedenen Geistern verschieden aufgefasst werden. Ich denke, er sieht in seinem Weiß Reinheit und in seiner Stofflichkeit Unzerstörbarkeit. Doch mir liegt hauptsächlich daran, den Stein als Träger des Namens zu betrachten – als die Form, durch die der Name als von Gott an den Menschen überreicht dargestellt wird und was in dieser Mitteilung enthalten ist, ist, was ich wünsche aufzuzeigen. Wenn mein Leser meine Darstellung nicht als die Bedeutung des Johannes anerkennen will, hoffe ich doch, sie hervorzubringen, so dass er die Darstellung als wahr in sich selbst erkennen wird und dann werde ich die Auslegung bereitwillig ihrem Schicksal überlassen.

Ich sage in Kürze, dass die Gabe des weißen Steins mit dem neuen Namen die Mitteilung dessen an den Menschen ist, was Gott über den Menschen denkt. Es ist das göttliche Urteil, die ernste heilige Bestimmung des gerechtfertigten Menschen, das „Kommt ihr Gesegneten“, gesprochen zu dem Einzelnen.

Um dies zu sehen, müssen wir zuerst verstehen, was die Idee eines Namens ist – das heißt, was die vollkommene Vorstellung eines Namens ist. Denn, wenn man sieht, dass hier die mystische Kraft eines geheiligten Geistes [mind] davon spricht, dass Gott etwas gibt, müssen wir verstehen, dass die wesentliche Sache, und nicht ihre Unglücksfälle oder ihre Nachahmungen, gemeint ist.

Ein Name von gewöhnlicher Art in dieser Welt hat nichts Wesentliches in sich. Er ist nur eine Bezeichnung, durch die ein Mensch und ein Bruchstück seiner äußeren Geschichte von einem anderen Menschen und einem Bruchstück seiner Geschichte unterschieden werden. Die einzigen Namen, die Aussagekraft haben, sind jene, welche das öffentliche Urteil oder Vorurteil oder der Humor verleihen, entweder zum Spott oder zur Ehre, für einige Wenige von Vielen. Jeder von ihnen gründet sich auf einige äußere Merkmale des Menschen, auf einige vorherrschende Einzigartigkeiten des Gemüts, einige Vorzüglichkeiten oder Kehrseiten des Charakters oder etwas, was er gut macht oder gemacht hat oder schlecht genug oder schließlich einzigartig genug, um ihn in den Augen der Leute solch einer Auszeichnung vor anderen Menschen würdig zu erweisen. Insoweit sind sie wirkliche Namen, denn in einem armseligen Maße drücken sie Einzigartigkeit aus.

Der wahre Name ist der, welcher den Charakter, die Natur, das Wesen, die Bedeutung der Person, die ihn trägt, ausdrückt. Es ist des Menschen eigenes Sinnbild – das Bild seiner Seele, in einem Wort – das Zeichen, welches zu ihm und niemandem sonst gehört. Wer kann einem Menschen dies geben, seinen eigenen Namen? Gott allein. Denn niemand außer Gott sieht, was der Mensch ist oder kann gar, indem er sieht, was er ist, in einem Namens-Wort die Summe und den Einklang dessen, was er sieht, ausdrücken. Wem wird dieser Name gegeben? Dem, der überwindet. Weiß Gott dann nicht, was ein Mensch werden wird? So sicher, wie er die Eiche sieht, welche er in das Herz der Eichel gelegt hat. Warum also wartet er, bis der Mensch durch die Überwindung geworden ist, ehe er festlegt, was sein Name sein soll? Er wartet nicht; er weiß seinen Namen von Anfang an. Doch wie – obwohl Buße kommt, weil Gott vergibt – der Mensch erst der Vergebung gewahr wird in der Buße; so auch nur, wenn der Mensch sein Name geworden ist, dass Gott ihm den Stein mit dem Namen darauf gibt, er dann zum ersten Mal verstehen kann, was sein Name bedeutet. Es ist die Blüte, die Vollkommenheit, die Vervollständigung, die den Namen bestimmt; und Gott sieht das von Anfang an voraus, weil er es so gemacht hat; doch der Baum der Seele, bevor die Blüte kommt, kann nicht verstehen, welche Blüte er tragen wird und könnte nicht wissen, was das Wort meinte, welches, indem es seine eigene nicht erreichte Vervollständigung darstellt, ihn selbst benennte. Solch ein Name kann nicht gegeben werden, bis der Mensch der Name ist.           

Gottes Name für einen Menschen muss also der Ausdruck in einem mystischen Wort – ein Wort von der Sprache, welche alle, die überwunden haben, verstehen – von seiner eigenen Idee von dem Menschen sein, das Wesen, das er in seinen Gedanken hatte, als er begann, das Kind zu erschaffen und welches er in seinen Gedanken bewahrte durch den langen Verlauf der Schöpfung hindurch, der die Idee zu verwirklichen unternahm. Den Namen auszusprechen heißt, den Erfolg zu besiegeln – zu sagen „Auch an dir habe ich Wohlgefallen.“

Doch wir befinden uns immer noch auf dem Gebiet der Sinnbildlichkeit. Denn in der Annahme, dass solch eine Form tatsächlich zwischen Gott und dem, der überwindet, eingehalten würde, wäre es nicht weniger ein Sinnbild – nur eben ein ausgeführtes. Wir müssen deshalb tiefer schauen für die Fülle seiner Bedeutung. Bis zu diesem Punkt ist wenig gesagt worden, um unsere Erwartungen von Entdeckung in dem Text zu rechtfertigen. Lasst uns, sage ich, tiefer schauen. Wir werden nicht lange schauen, bis wir herausfinden, dass das mystische Sinnbild als Mitte seiner Bedeutung die Tatsache der persönlichen, eigenen Beziehung eines jeden Menschen zu seinem Gott enthält. Dass jeder Mensch Angelegenheiten mit Gott hat, und diese seine wichtigsten Angelegenheiten, leuchtet jedem Menschen ein, der irgendeine Bedeutung oder irgendein Empfinden mit den Worten Schöpfer, Vater, Gott verbindet. Wären wir nur Kinder eines Tages mit dem Verständnis dafür, dass jemand uns diesen einen Festtag gegeben hat, dann gäbe es etwas zu denken, zu fühlen, zu tun, weil wir es wüssten. Denn dann wäre unsere Natur entsprechend unserem Schicksal und wir könnten anbeten und sterben. Doch es wäre nur das Lob der Toten, nicht das Lob der Lebenden, denn der Tod wäre das Tiefste, das Andauerndste, das Überwinden. Wir wären aus dem Nichts getreten, nicht aus Gott. Er könnte nur unser Schöpfer, nicht unser Vater, unser Ursprung sein. Doch jetzt wissen wir, dass Gott nicht der Gott der Toten sein kann – er muss der Gott der Lebenden sein; insoweit als zu wissen, dass wir gestorben sind, würde das Herz der Anbetung einfrieren und wir könnten nicht sagen Unser Gott oder ihn solcher Wertschätzung wert empfinden wie wir sie erweisen könnten. Dem, der diesem Gott der Lebenden sein eigenes Selbst zum Opfer anbietet, dem, der überwindet, dem, der sein eigenes Leben zurück zu seiner Quelle gebracht hat, der weiß, dass er eines von Gottes Kindern ist, der die Leiter all seiner Gott-geborenen Mühen und Gott-gegebenen Siege zur Höhe seines Seins erklimmt – auf dass er von Angesicht zu Angesicht sein ideales Selbst im Busen des VATERS erblickt –  Gottes ihm, erkannt in ihm durch des Vaters Liebe in der Hingabe des Älteren Bruders – ihm gibt Gott den neu aufgeschriebenen Namen.

Doch ich verlasse diesen Punkt, weil das, was folgt, diese Eigenart der Beziehung in einer vollständigeren Entwicklung der Wahrheit erfasst und verstärkt. Denn der Name ist einer „welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt.“ Also hat nicht nur jeder Mensch seine eigene Beziehung zu Gott, sondern jeder Mensch hat seine besondere Beziehung zu Gott. Er ist für Gott ein besonderes Wesen, geschaffen nach seiner eigenen Art und nicht in der eines anderen, denn wenn er vervollkommnet ist, wird er den neuen Namen empfangen, welchen niemand anderer verstehen kann. Daher kann er Gott anbeten wie niemand anderer ihn anbeten kann – kann er Gott verstehen wie niemand anderer ihn verstehen kann. Dieser oder jener Mensch mag Gott mehr verstehen, mag Gott besser verstehen als er, doch kein anderer Mensch kann Gott so verstehen wie er ihn versteht. Gott gebe mir die Gnade, mich vor dir zu demütigen, mein Bruder, dass ich nicht mein Trugbild von dir vor den Richterstuhl des ungerechten Richters zerre, sondern zu dir aufschaue, welche Offenbarung von Gott du und niemand anderer geben kannst. Wie die Föhre sich mit ganz anderen Bedürfnissen erhebt als den Bedürfnissen der Palme, so steht auch jeder Mensch vor Gott und erhebt ein ganz anderes Menschsein zum gemeinsamen VATER. Und für jeden hat Gott eine andere Antwort. Mit jedem Menschen hat er ein Geheimnis – das Geheimnis des neuen Namens. In jedem Menschen gibt es eine Einsamkeit, eine innere Kammer besonderen Lebens, in die nur Gott eintreten kann. Ich sage nicht, dass es die innerste Kammer ist – doch es ist eine Kammer, in welche weder ein Bruder noch eine Schwester kommen kann.

Aus diesem folgt, dass es auch eine Kammer gibt – (Oh Gott, demütige mich und nimm meine Rede an) – eine Kammer in Gott selbst, in welche niemand eintreten kann außer einer, der Einzelne, der besondere Mensch – aus welcher Kammer dieser Mensch Offenbarung und Stärkung für seine Brüder bringen muss. Dies ist es, wofür er geschaffen wurde – um die geheimen Dinge des VATERS zu offenbaren.

Durch seine Erschaffung also ist jeder Mann abgeschieden mit Gott; jeder kann in Hinsicht auf seine besondere Machart sagen „mein Gott“; jeder kann allein zu ihm kommen und mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen wie ein Mensch mit seinem Freund spricht. Es gibt keine Anhäufung von Menschen bei Gott. Wenn er von versammelten Menschen spricht, dann ist es der geistliche Leib, nicht eine Masse. Denn in einem Leib ist jeder kleinste Teil für sich und deshalb in der Lage, einen Teil des Leibes zu bilden.

Seht jetzt, was für eine Bedeutung die Sinnbildlichkeit unseres Textes annimmt. Jeder von uns ist eine andere Blume oder ein anderer Baum in dem geistlichen Garten Gottes – kostbar, jeder um seiner selbst willen, in den Augen dessen, der uns gerade jetzt erschafft – jeder von uns gewässert, beschienen und gefüllt mit Leben, um seiner Blume willen, sein vervollständigtes Wesen, welches zuletzt aus ihm blühen wird zur Herrlichkeit und Freude des großen Gärtners. Denn jeder hat in sich ein Geheimnis der Göttlichkeit; jeder wächst hin zu der Offenbarung dieses Geheimnisses für ihn selbst und so zum vollen Verständnis, entsprechend seinem Maß, des Göttlichen. Jeden Augenblick, wenn er seinem wahren Selbst treu ist, bricht ein neuer Schein des weißen Steins vor seinem inneren Auge auf, ein frischer Kanal wird nach oben hin geöffnet zur kommenden Herrlichkeit der Blume, die bewusste Gabe seines ganzen Wesens in Schönheit an seinen Schöpfer. Jeder Mensch ist in Gottes Sicht wertvoll. Leben und Handeln, Denken und Absicht sind geheiligt. Und was für ein Ziel liegt vor uns! Ein Bewusstsein unseres eigenen idealen Wesens aus den Gedanken Gottes leuchtet in uns auf! Sicher mögen wir dafür gerne all unser dürftiges Selbstbewusstsein, unsere Selbstbewunderung und unser Selbstlob aufgeben! Sicher wird, zu wissen, was er über uns denkt, alle unsere Gedanken über uns selbst aus unseren Seelen verblassen! Und wir mögen sie jetzt ganz lose festhalten und bereit sein, sie loszulassen. Diesem Ergebnis ist Paulus bereits nahe gekommen, als er, der seinen Wettlauf mit einem bitteren Ruf nach Erlösung von seinem Leib des Todes begann, in der Lage war zu sagen, dass er sich selbst nicht länger beurteilt.

„Doch ist da nicht die schlimmste aller Gefahren in solcher Lehre – die Gefahr geistlichen Stolzes?“ Wenn es so wäre, sollen wir den Geist wegen der Angst vor Stolz ablehnen? Oder gibt es irgendeine andere Erlösung vom Stolz außer dem Geist? Stolz entsteht aus vermeintlichem Erfolg im hohen Ziel: mit der tatsächlichen Errungenschaft kommt Demut. Doch hier gibt es keinen Raum für Ehrgeiz. Ehrgeiz ist das Verlangen, über dem Nächsten zu sein; und hier gibt es keine Möglichkeit des Vergleichens mit dem Nächsten: niemand weiß, was der weiße Stein enthält außer dem Menschen, der ihn empfängt. Hier gibt es Raum für endloses Bestreben zum unsichtbaren Ideal hin; keinen für Ehrgeiz. Ehrgeiz würde nur höher sein als andere; die Bestrebung würde hoch sein. Der verhältnismäßige Wert ist nicht nur unbekannt – für die Kinder des Reiches ist er unerkennbar. Jeder schätzt den anderen besser als sich selbst. Wie soll die Rose, das glühende Herz der Sommerhitze, jubeln gegen das Schneeglöckchen, das mit hängendem Kopf aus dem weißen Busen des Schnees erstanden ist? Beide sind Gottes Gedanken; beide sind ihm teuer; beide sind notwendig für die Vervollkommnung seiner Erde und die Offenbarung seiner selbst. „Gott hat dafür gesorgt, mich für sich selbst zu erschaffen“, sagt der Sieger mit dem weißen Stein „und hat mich das genannt, was ich am meisten mag; denn mein eigener Name muss sein, wie ich ihn haben will, indem ich sehe, dass er mein Selbst ist. Was zählt es, ob ich ein Gras des Feldes genannt werde oder ein Adler der Lüfte? Ein Stein, um in seinen Tempel verbaut zu werden oder ein Boanerges [Boanerges bedeutet „Donnersohn“ – zwei der Jünger Jesu, die Zeloten (Eiferer) waren, wurden so genannt], um seinen Donnerschall auszuführen? Ich bin sein; seine Idee, seine Schöpfung; vollkommen in meiner Art, Ja, vollkommen in seinen Augen; voll von ihm, ihn offenbarend, allein mit ihm. Lasst ihn mich nennen, was er will. Der Name wird kostbar sein wie mein Leben. Ich verlange nicht mehr.“

Dann wird alle Furcht vergangen sein, was sein Nächster über ihn denken mag. Es ist genug, dass Gott an ihn denkt. Etwas für Gott zu sein – ist das nicht Lob genug? Etwas zu sein, um das Gott sich kümmert und für sich selbst vervollständigt haben will, weil es wert ist, sich darum zu kümmern – ist das nicht Leben genug?

Noch wird er solcherart abgesondert sein von seinen Gefährten. Denn was wir von dem einen sagen, sagen wir von allen. Es ist als Einzelner, dass der Mensch Ansprüche unter seinen Gefährten hat. Jeder wird die Heiligkeit und Ehrfurcht der dunklen und stillen Unterredung seines Nächsten mit seinem Gott empfinden. Jeder wird den anderen als einen Propheten erkennen und zu ihm aufschauen für das, was der HERR gesprochen hat. Jeder wird als ein Hohepriester aus dem Allerheiligsten zurückkehren und von dieser Zusammenkunft einige frohe Botschaft, einiges Evangelium der Wahrheit mitbringen, welches, wenn es gesprochen wird, seine Nächsten empfangen und verstehen werden. Jeder wird in dem anderen ein Wunder der Offenbarung schauen, einen gegenwärtigen Sohn oder Tochter des Allerhöchsten, von ihm herauskommend, um neu zu offenbaren. In Gott wird jeder jedem nahe kommen.

Ja, es wird Gefahr geben – Gefahr wie überall; doch er wird mehr Gnade geben. Und wenn der Mensch, der auf die Höhen gestrebt ist, doch von ihnen in die Tiefen fallen sollte, ist dort nicht das Feuer Gottes, das verzehrende Feuer, welches brennt und nicht zerstört?

Niemandem, der nicht schon einige Unterredung mit Gott hatte oder der nicht zumindest ein Bestreben zur Quelle seines Wesens verspürt hat, kann all das anders erscheinen als Torheit. So sei es.

Doch, HERR, hilf ihnen und uns und lass unser Wesen in deine Ähnlichkeit hineinwachsen. Selbst wenn es durch Zeitalter des Mühens und Zeitalter des Wachstums ist, lass uns doch zuletzt dein Angesicht sehen und den weißen Stein von deiner Hand empfangen. Dass solcherart wir wachsen mögen, gib uns Tag für Tag unser tägliches Brot. Fülle uns mit den Worten, die aus deinem Mund hervorgehen. Hilf uns anzuhäufen Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

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Über beatricegriguhn

Jesus liebende, exzessiv Tee trinkende, Bücher verschlingende Künstlerin mit Hang zu diversen Skurrilitäten

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