Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

Das Herz beim Schatz

„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben und stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ (Matthäus 6,19-21)

Die Worte unseres HERRN zu verstehen ist die Lebensaufgabe. Denn es ist der Hauptpfad zum Verständnis dessen, der DAS WORT selbst ist. Und ihn zu empfangen heißt, den VATER zu empfangen und so das Leben in uns selbst zu haben. Und LEBEN, das höhere, das tiefere, das einfachere, das ursprüngliche ist die Lebensaufgabe.

DAS WORT ist das, durch welches wir leben, nämlich Jesus selbst; und seine Worte stellen, zu einem Teil, als Schatten, als Andeutung, ihn selbst dar. Jede Äußerung, die es wert ist, eine Wahrheit genannt zu werden, ist menschliche Nahrung: wieviel mehr DAS WORT, keine abstrakten Regeln unseres Daseins darstellend, sondern das lebendige Verhältnis von Seele und Leib, Herz und Wille, Kraft und Freude, Schönheit und Licht, Ihm darstellend, der ihnen allen zuerst das Leben gab! Der SOHN trat hervor, um das zu sein, vor unseren Augen und in unseren Herzen, wozu er uns erschaffen hat, dass wir die Wahrheit in ihm schauen könnten und nach dem lebendigen Gott rufen, der, im allerhöchsten Sinne, DIE WAHRHEIT ist, nicht wie sie verstanden wird, sondern als Verständnis, Leben und Sein, die Wahrheit tuend und erschaffend. „Ich bin die Wahrheit“ sprach unser HERR; und durch jene, die in einem gewissen Maß sind wie er im Sein der Wahrheit, kann das WORT verstanden werden. Lasst uns versuchen, ihn zu verstehen.

Ohne Zweifel hätte der Retter manchmal in einer anderen Weise der Rede gesprochen, wenn er zu Engländern gekommen wäre, anstatt zu Juden. Doch die Lehre, die er gab, wäre dieselbe gewesen; denn, selbst wenn befragt zu einer Angelegenheit von vorübergehender Wichtigkeit, enthielt seine Entgegnung die Verkündung des großen menschlichen Grundsatzes, welcher darin lag und der unveränderlich in jeder Abwandlung der veränderlichen Umstände liegt. Mit dem Licht hinzugefügter Zeitalter Christlicher Erfahrung sollte es für uns einfacher sein, seine Worte zu verstehen, als es für jene war, die ihn hörten.

Worin, frage ich nun, besteht hier die Macht seines Wortes Denn: Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz? Die Bedeutung des Grundes, solcherweise hinzugefügt, liegt nicht offensichtlich an der Oberfläche. Es muss danach gesucht werden, einmal wegen seiner Tiefe und wegen seiner Einfachheit. Doch er ist so vollkommen, so umfassend einfallsreich, so umgehend wirkungsvoll auf das Gewissen durch seine poetische Doppeldeutigkeit, dass, wenn er einmal verstanden wurde, nichts weiter gesagt werden muss, sondern alles getan werden muss.

„Warum sollen wir für uns keine Schätze auf der Erde ansammeln?“

„Weil dort die Motten und Rost und der Dieb kommen.“

„Und so werden wir diese Schätze verlieren?“

„Ja; durch die Motte und den Rost und den Dieb.“

„Meint der HERR also, dass der Grund, keine solche Schätze anzusammeln, der ihrer vergänglichen und verderblichen Natur ist?“

„Nein. Er fügt ein Denn hinzu: Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“

„Natürlich wird das Herz sein, wo der Schatz ist; doch was hat das zu tun mit der Aussage?“

Dieses: dass es dem, was mit dem Schatz ist, genauso widerfahren muss wie dem Schatz; dass das Herz, welches das Schatzhaus heimsucht, wo die Motte und Rost verderben, denselben Verwüstungen ausgesetzt ist wie der Schatz, es selbst verrottet und mottenzerfressen sein wird.

Manch ein Mann, manch eine Frau, hold und blühend anzusehen, geht umher mit einem rostigen, mottenzerfressenen Herzen innerhalb dieser Gestalt der Stärke und Schönheit.

„Doch das ist nur ein Bild.“

Richtig. Doch ist die beabsichtigte Wirklichkeit weniger oder mehr als das Bild? Bedeuten nicht der Rost und die Motte mehr als Krankheit? Und bedeutet das Herz nicht mehr als das Herz? Bedeutet es nicht ein tieferes Herz, das Herz deines eigenen Selbst, nicht das deines Leibes? Das Selbst, das leidet, nicht Schmerz, sondern Elend? Das Selbst, dessen Ziel nicht Trost oder Fröhlichkeit ist, sondern Glückseligkeit, ja, Verzückung? Ein Herz, welches die innerste Kammer ist, worin die göttliche Quelle deines Wesens entspringt? Ein Herz, welches Gott schaut, obwohl du nie von seiner Existenz gewusst haben magst, nicht einmal, wenn sein Winden unter dem Nagen der Motte und dem langsamen Brennen des Rostes einen dumpfen Schmerz übermittelt haben an dieses äußere Herz, welches das Blut in seinen festgelegten Bahnen durch deinen Leib sendet? Wenn Gott dieses Herz zerfressen vom Rost der Sorgen sieht, zerfurcht zu Höhlen und Schichten durch die Würmer des Ehrgeizes und der Gier, dann ist unser Herz so, wie Gott es sieht, denn Gott sieht die Dinge, wie sie sind. Und eines Tages wirst du genötigt sein, dein Herz zu sehen, Nein, zu empfinden, wie Gott es sieht; und zu wissen, dass das verfaulte Ding, welches du in dir hast, Beute für die abscheulichsten Krankheiten, tatsächlich die Mitte deines Wesens ist, dein eigentliches Herz.

Die Lehre bezieht sich nicht nur auf jene, die den Mammon anbeten, die ihr Leben, ihre besten Kräfte zur Anhäufung von Reichtum geben: sie bezieht sich gleichermaßen auf jene, die in irgendeiner Art das Vergängliche anbeten; die das Lob der Menschen mehr als das Lob Gottes suchen; die eine Schau in dieser Welt geben durch Reichtum, durch Geschmack, durch Intellekt, durch Macht, durch Kunst, durch Einfallsreichtum jeglicher Art und so goldene Gewinnmöglichkeiten sammeln, um sie in einem irdischen Vorratshaus anzuhäufen.

Doch nicht nur für solche, sondern sicherlich genauso für jene, deren Freuden noch offensichtlicher von vergänglicher Natur sind, so wie die Freude der Sinne in jeglicher Richtung – ob gesetzlich oder ungesetzlich genossen, wenn die Freude des Seins in ihrer Mitte ist – tragen diese Worte eine furchtbare Warnung. Denn der Schmerz liegt nicht darin – dass diese Freuden falsch wären wie der Betrug der Zauberei, denn solches sind sie nicht: Freuden sind sie; noch darin – dass sie vorbeigehen und eine heftige Enttäuschung hinterlassen: das ist nur umso besser; sondern der Schmerz liegt darin – dass das Unsterbliche, das Unendliche, geschaffen nach dem Bild des immerwährenden Gottes, zusammenwohnt mit dem Vergehenden und dem Verwesenden und sich an ihnen als seinen Gütern festhält – sich an ihnen festhält, bis es infiziert und durchdrungen ist mit ihren entsprechenden Krankheiten, welche in ihm eine furchtbarere Form annehmen im Verhältnis zur Überlegenheit seiner Art, so dass, was bloßer Verfall in dem einen ist, in dem anderen zu moralischer Niedertracht wird, so dass das, was das eine für den Abfallhaufen bestimmt, das andere in die äußerste Finsternis hinausstößt; es kriecht, um Anteil an ihnen zu haben, in einen Erdbau, wo seine keimenden Flügel wittern und durchfeuchten und abfallen von seinen Schultern, anstatt die offenen Gefilde heimzusuchen und die hochgelegenen Ebenen, seine jungen Schwingen zur Sonne und in der Luft ausbreitend und sie zu stärken in immer weiteren und weiteren Flügen, bis sie zuletzt so stark werden, das Gott-geborene in die Gegenwart seines VATERS im Himmel zu tragen. Darin liegt der Schmerz.

Der, dessen Herz gesund ist, weil es das Schatzhaus des Himmels heimsucht, mag von dem Teufel versucht werden, doch er wird zuerst vom Geist in die Wüste geführt.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

 

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Über beatricegriguhn

Jesus liebende, exzessiv Tee trinkende, Bücher verschlingende Künstlerin mit Hang zu diversen Skurrilitäten

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