Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

Liebe deinen Nächsten

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Matthäus 22,39

Das Original, das hier von unserem Herrn zitiert wird, findet sich in den Worten Gottes zu Mose (Levitikus 19,18). „Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der Herr.“ Unser Herr dachte nie daran, originell zu sein. Je älter das Wort, desto besser, wenn es die Wahrheit äußert, die er äußern will. In ihm wird es Tatsache: DAS Wort wurde Fleisch. Und auf diese Weise. In der wundersamen Begegnung der Extreme, waren die Worte, die er sprach, nicht mehr nur Worte, sondern Geist [spirit] und Leben.

Dieselben Worte werden zweimal bei Paulus zitiert und ein weiteres Mal bei Jakobus, immer in einer ähnlichen Weise: Sie repräsentieren Liebe als die Erfüllung des Gesetzes.

Ist die Umkehrung dann wahr? Ist das Erfüllen des Gesetzes Liebe? Der Apostel Paulus sagt: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ [Anmerkung: Zitat aus dem Römerbrief Kapitel 13] Folgt daraus, dass nichts Böses tun Liebe ist? Liebe wird das Gesetz erfüllen: wird das Gesetz die Liebe erfüllen? Nein, wahrhaftig. Wenn ein Mensch das Gesetz hält, weiß ich, dass er ein Liebender seines Nächsten ist. Doch er ist nicht ein Liebender, weil er das Gesetz hält: er hält das Gesetz, weil er ein Liebender ist. Kein Herz wird mit dem Gesetz anstelle der Liebe zufrieden sein. Das Gesetz kann nicht die Liebe erfüllen.

„Doch zuletzt wird das Gesetz dazu in der Lage sein, sich selbst zu erfüllen, obwohl es nicht die Liebe erreicht.“

Ich glaube das nicht. Ich bin sicher, dass es unmöglich ist, das Gesetz gegen den Nächsten zu erfüllen, es sei denn, man liebt ihn. Das Gesetz selbst ist unendlich, bis zu solchen Feinheiten des Handelns reichend, dass der Mensch, der es am meisten versucht, der Mensch sein wird, der sich am meisten des Versagens bewusst ist. Wir sind nicht für das Gesetz gemacht, sondern für die Liebe. Liebe ist Gesetz, weil sie unendlich viel mehr als Gesetz ist. Sie ist aus einem ingesamt höheren Bereich als das Gesetz – ist, tatsächlich, der Schöpfer des Gesetzes. Wäre es nicht um der Liebe willen gewesen, wäre nicht eines der Du-sollst-nicht geäußert worden. Es ist wahr, einmal geäußert zeigten sie sich selbst in der Form von Gerechtigkeit, ja, selbst in den unterlegenen und weltlichen Formen der Besonnenheit und Selbsterhaltung; doch es war Liebe, die sie zuerst sprach. Wäre da keine Liebe in uns, welchen Sinn für Gerechtigkeit könnten wir haben? Wäre nicht jeder mit dem Sinn des eigenen Wollens angefüllt und für immer auf sich selbst bezogen? Ich sage nicht, dass es bewusste Liebe ist, die Gerechtigkeit gebiert, doch ich sage, dass ohne Liebe die Gerechtigkeit in unserer Natur niemals geboren werden würde. Denn ich nenne nicht das Gerechtigkeit, was nur im Sinn unserer eigenen Rechte besteht. Es ist wahr, es gibt armselige, verwelkte Formen der Liebe, welche nun unermesslich weit unter der Gerechtigkeit sind; doch selbst jetzt sind sie von unaussprechlichem Wert, denn sie werden zu dem wachsen, was die Gerechtigkeit überholt, weil es erforderlich sein wird.

Von welchem Nutzen ist dann das Gesetz? Uns zu Christus zu führen, der WAHRHEIT – in unserem Verstand [mind] einen Sinn von dem zu wecken, was unsere tiefste Natur, die Gegenwart, nämlich, von Gott in uns, von uns verlangt – uns wissen zu lassen, zum Teil durch Versagen, dass das reinste Bemühen des Willens, dessen wir fähig sind, uns nicht dazu erheben kann, auch nur von dem Bösen unserem Nächsten gegenüber zurückzustehen. Welcher Mensch, zum Beispiel, der nicht seinen Nächsten liebt und doch wünscht, das Gesetz zu halten, kann wagen, zuversichtlich zu sein, dass er niemals durch Worte, Blicke, Tonlage, Gesten, Schweigen falsches Zeugnis gegen diesen Nächsten ablegen wird? Welcher Mensch kann seinen Nächsten recht richten, es sei denn der, dessen Liebe es ihn ablehnen lässt, ihn zu richten? Deshalb ist uns gesagt, zu lieben und nicht zu richten. Es ist die einzige Gerechtigkeit, zu der wir fähig sind, und vervollkommnet wird sie alle Gerechtigkeit einschließen. Nein, mehr noch, unserem Nächsten Liebe zu verweigern, ist, ihm das größte Übel anzutun. Doch davon später. Um das allgemeinste Gesetz zu erfüllen, ich wiederhole, müssen wir insgesamt in einen erhabeneren Bereich aufsteigen, ein Bereich, der über dem Gesetz ist, weil er Geist und Leben ist und das Gesetz erschafft: um das Gesetz unserem Nächsten gegenüber zu halten, müssen wir unseren Nächsten lieben. Wir sind nicht gemacht für das Gesetz, sondern für die Gnade – oder für den Glauben, um ein anderes, so oft missbrauchtes Wort zu gebrauchen. Wir sind insgesamt nach einem zu großen Maßstab angelegt, um irgendein reines Verhältnis zu bloßer Gerechtigkeit zu haben, wenn wir tatsächlich sagen können, dass es solch eine Sache gibt. Es ist nur eine abstrakte Idee, welche, in Wirklichkeit, nicht abstrahiert wird. Das Gesetz kommt, um uns nach der nötigen Gnade verlangen zu lassen, – das heißt, nach dem göttlichen Zustand, in welchem Liebe alles ist, denn Gott ist Liebe.

Obwohl das Erfüllen des Gesetzes die praktische Form ist, welche die Liebe annehmen wird, und die Ablehnung dessen die Überführung von Lieblosigkeit ist; obwohl es die Art ist, in welcher eines Menschen Wille sofort beginnen muss Liebe zu dem Nächsten zu sein, nun, das meinte unser Herr mit der Liebe zu unserem Nächsten; nicht das Erfüllen des Gesetzes an ihm, sondern dieser Zustand des Seins, welcher das Erfüllen des Gesetzes und mehr zum Ergebnis hat, ist hinreichend deutlich in seiner Geschichte vom guten Samariter. „Wer ist mein Nächster?“ fragt der Schriftgelehrte. Und der Herr lehrte ihn, dass jedermann, für welchen er irgendetwas sein oder für welchen er irgendetwas tun könnte, sein Nächster war, deshalb ist jeder unseres Geschlechts [race], wie er in die Reichweite eines Fühlers unserer Natur kommt, unser Nächster. Welches der Verbote des Gesetzes ist in der Geschichte beleuchtet? Nicht eines. Die Liebe, die mehr ist als das Gesetz, und seinen Bruch als unmöglich zeichnet, lebt in der endlosen Geschichte, kommt hervor als tätige Freundlichkeit, das heißt, im Erkennen der Verwandtschaft, der Art, der Nähe, der Nächstenschaft [Anmerkung: im Englischen ein Wortspiel zwischen kin und kind, nighness und neighbourhood]; ja, in Zärtlichkeit und liebender Freundlichkeit – das Samariter-Herz dem Juden-Herz verwandt, die Samaritischen Hände Nächste für die Jüdischen Wunden.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

So unmittelbar und vollständig ist dieses Gleichnis unseres Herrn, dass man sich beinahe schämt, weiter darüber zu reden. Stellt euch vor, ein Mensch von den [damaligen] Dabeistehenden hätte dieselbe Frage an unseren Herrn gestellt, wie wir sie hier bedacht haben, und hätte gesagt „Doch kann ich das Gesetz halten und meinen Nächsten doch nicht lieben?“, würde er nicht entgegnet haben: „Halte auf diese Weise das Gesetz, nicht im Buchstaben, sondern im Geist, das heißt, in der Wahrheit des Handelns, und du wirst finden, Oh Jude, dass du deinen Samariter liebst.“? Und doch, wenn Gedanken und Fragen in unserem Verstand [mind] auftauchen, verlangt er danach, dass wir ihnen folgen. Er wird uns nicht an einem verächtlich geäußerten Wort himmlischer Weisheit prüfen. Er weiß, dass nicht einmal seine Worte auf jede Frage der willigen Seele zutreffen; und wir wissen, dass sein Geist antworten wird. Wenn wir mehr wissen wollen, wird dieses Mehr für uns da sein. Nicht jeder Mensch, zum Beispiel, wird seinen Nächsten in Not finden und er würde gern die langsamen Ergebnisse der Gelegenheit durch echtes Denken beschleunigen. So wären wir bereit für weitere Lehre durch den Geist [spirit], der unser Herr ist.

„Doch wie“, fragt ein Mann, der willens ist, die umfassende Nächstenschaft zu erkennen, doch sich selbst nicht in der Lage findet, das bloße Gesetz auch nur gegen die Frau, die er am meisten liebt, zu erfüllen, – „Wie kann ich also in diesen höheren Bereich aufsteigen, dieses Empyreum [Anmerkung: Das Wort bezeichnet in mittelalterlicher Kosmologie (Weltenlehre) den höchsten aller Himmel, den Aufenthaltsort Gottes und der Seligen, oder auch den sog. „Dritten Himmel“, von dem Paulus spricht, wohin er entrückt wurde. Also nichts anderes als im geistlichen/spirituellen Sinne die höchste Ebene der Erkenntnis und Gottesschau] der Liebe?“ Und wie er geradewegs versucht zu beginnen, seinen Nächsten zu lieben, findet er, dass dieses Empyreum, von dem er sprach, in sich selbst genausowenig zu erreichen ist wie wie das Gesetz in sich selbst zu erreichen war. Wie er das Gesetz nicht halten kann, ohne zuerst in die Liebe zu seinem Nächsten zu wachsen, so kann er seinen Nächsten nicht lieben, ehe er nicht zuerst noch höher hinaus gewachsen ist. Die ganze Ordnung des Weltenalls wirkt nach diesem Gesetz – das Vorantreiben der Dinge nach oben hin zur Mitte. Der Mensch, der seinen Nächsten lieben wird, kann durch keine unmittelbare Übung des Willens so handeln. Es ist der Mensch, erfüllt von Gott, von dem er kam und durch den er ist, der allein seinen Nächsten lieben kann wie sich selbst, seinen Nächsten, der auch von Gott kam und durch Gott ist. Das Geheimnis der Einzigartigkeit und nachfolgender Beziehung ist so tief wie die Anfänge der Menschheit und die Fragen, die daraus entspringen, können nur durch ihn gelöst werden, der eigentlich und zuletzt die heiligen Notwendigkeiten, die aus diesem Urspung kommen, gelöst hat. In Gott allein kann der Mensch dem Menschen begegnen. In ihm allein berühren sich und kreuzen sich nicht nur die aufeinander zulaufenden Linien des Daseins. Wenn der Sinn [mind] Christi, das Leben des Hauptes, durch dieses winzige Teilchen [Atom] fährt, welches der Mensch ist in dem langsam erwachenden Leib, wenn er auch lebendig ist, dann ist die Liebe zu den Brüdern als bewusstes Leben da.

Von Christus durch die Nächsten kommt das Leben, das ihn zu einem Teil des Leibes macht.

Es ist möglich, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Unser Herr sprach niemals in übertriebener Weise, obwohl es tatsächlich die Annahme ist, auf welcher viele unbewusst seine Worte auslegen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie sie glauben. Wir werden sehen, dass es möglich ist, ehe wir dazu kommen; denn unsere Auffassung von der Wahrheit ist unserem Zustand immer voraus. Es ist wahr, kein Mensch kann es vollkommen sehen, bis er es ist; doch wir müssen es sehen, damit wir es sein können. Ein Mensch, der weiß, dass er seinen Nächsten noch nicht liebt wie sich selbst, mag an einen solchen Zustand glauben, mag sogar sehen, dass es da kein anderes Ziel der menschlichen Vollkommenheit gibt, nichts anderes, wohin das Weltenall strebt, vorangetrieben durch den Willen des VATERS. Lasst ihn sich weiter mühen und nicht matt werden bei dem Gedanken, dass Gottes Tag tausend Jahre währt: sein Jahrtausend ist ebenso ein Tag – ja, dieser Tag, denn wir haben ihn, DIE LIEBE, in uns, selbst jetzt auf das Ende hinwirkend.

Doch während es wahr ist, dass nur ein Mensch, der Gott von ganzem Herzen liebt, seinen Nächsten wie sich selbst liebt, gibt es doch vermischte Abläufe bei der Erreichung des endgültigen Ergebnisses. Lasst uns versuchen, dem Fortwirken der Wahrheit zu helfen, indem wir weiter schauen. Lasst uns annehmen, dass der Mensch, der glaubt, dass unser Herr in beidem meinte, was er sagte, und die Wahrheit in dieser Sache kannte, fortfährt nach Gehorsam zu streben, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Er beginnt über seine Nächsten im Allgemeinen nachzudenken und versucht, Liebe für sie zu empfinden. Er findet sofort, dass sie sich unterteilen. Bei einigen empfindet er keine Schwierigkeit, denn er liebt sie bereits, nicht weil sie sind, sondern weil sie durch freundliche Merkmale, indem sie sich selbst als liebenswert erweisen, das heißt liebend, bereits seine Empfindungen bewegt haben wie der Wind das Wasser bewegt, das heißt, ohne irgendeine selbst erzeugte Handlung auf seiner Seite. Und er fühlt, dass dies nicht der eigentliche Punkt ist; obwohl er natürlich weiter vom ersehnten Ziel entfernt wäre, wenn er keine Solchen zu lieben hätte und noch weiter, wenn er Solche nicht lieben würde. Er erinnert die Worte unseres Herrn „Wenn du die liebst, welche dich lieben, welchen Lohn hast du?“ und sein Geist [mind] richtet sich auf – lasst uns sagen – auf einen zweiter Klasse und er versucht, ihn zu lieben. Der Mensch ist kein Feind – wir sind noch nicht zu dieser Klasse von Nächsten gekommen – doch er ist stumpf, uninteressant – in einer negativen Art, denkt er, nicht liebenswert. Was soll er mit ihm tun? Mit all seinem Bemühen findet er das Ziel weiter entfernt, als je zuvor.

Natürlicherweise, in seinem Versagen, erhebt sich die Frage „Ist es meine Pflicht, ihn zu lieben, der nicht liebenswert ist?“

Sicherlich nicht, wenn er nicht liebenswert ist. Aber das ist ein Vermeiden der Frage.

Deshalb fällt der Mensch zurück auf den Urgrund der Dinge und fragt –

„Wie also soll der Mensch von mir geliebt werden? Warum sollte ich meinen Nächsten lieben wie mich selbst?“

Wir sollten nicht antworten „Weil der Herr es so sagt.“ Es ist aus diesem Grund, weil der Herr es so sagt, dass der Mensch nach Hilfe sucht, um zu gehorchen. Kein Mensch kann seinen Nächsten lieben, nur weil der Herr es so sagt. Der Herr sagt es so, weil es richtig und notwendig und natürlich ist und der Mensch will es deshalb als richtig und notwendig und natürlich empfinden. Obwohl der Herr Gefallen an jedem Menschen hätte, der etwas tut, weil er es gesagt hat, würde er sein Gefallen darin zeigen, indem er den Menschen mehr und mehr unzufrieden macht, bis er wüsste, warum der Herr es gesagt hat. Er würde ihm zeigen, dass er nicht im tiefsten Sinne – in der Art wie der Herr liebt – irgendein Gebot befolgen kann, bis er die Sinnhaftigkeit dessen sieht. Beachtet, dass ich nicht sage, der Mensch soll das Befolgen des Gebotes sein lassen, bis er seine Sinnhaftigkeit sieht: das ist eine ganz andere Sache und liegt nicht im Bereich meiner gegenwärtigen Annahme. Es ist eine schöne Sache, der rechten Quelle eines Gebotes zu gehorchen: es ist eine noch viel schönere Sache, die leuchtende Quelle unseres Lichtes anzubeten, und es ist um der gehorsamen Schau willen, dass unser Herr es uns gebietet. Denn dann begegnen unsere Herzen dem seinen: wir sehen Gott.

Lasst mich in Form einer Unterhaltung zeigen, was im Geist [mind] des Menschen vor sich geht, über die entgegengesetzten Seiten der Frage. – „Warum sollte ich meinen Nächsten lieben?“

„Er ist wie ich und deshalb sollte ich ihn lieben.“

„Warum? Ich bin ich. Er ist er.“

„Er hat dieselben Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Sorgen, Freuden wie ich.“

„Ja; doch warum sollte ich ihn dafür lieben? Er muss sich um Seines kümmern, ich kann mich nur um Meins kümmern.“

„Er hat dasselbe Bewusstsein wie ich. Wie die Dinge für mich aussehen, so sehen sie für ihn aus.“

„Ja; doch ich kann nicht in sein Bewusstsein gelangen, noch er in meines. Ich fühle mich selbst, ich fühle nicht ihn. Mein Leben fließt durch meine Venen, nicht durch seine. Die Welt scheint in mein Bewusstsein und ich bin mir seines Bewustseins nicht bewusst. Ich wünschte, ich könnte ihn lieben, doch ich sehe nicht, warum. Ich bin ein Einzelwesen; er ist ein Einzelwesen. Mein Selbst ist mir näher als er es sein kann. Zwei Körper trennen mich von seinem Selbst. Ich bin allein mit mir selbst.“

Nun, hier liegt zuletzt der Fehler. Während der Denker eine Zweigeteiltheit in sich selbst annimmt, welche nicht existiert, beurteilt er die Einzigartigkeit fälschlich als Trennung. Im Gegenteil ist es die einzige Möglichkeit und das eigentliche Band der Liebe. Andersartigkeit ist der wesentliche Grund der Zuneigung. Doch in geistlichen Dingen ist solch eine Einheit im Nachsinnen über sie im Geist [spirit] des Menschen vorausgesetzt, dass, wo immer etwas nicht existiert, was da sein sollte, dessen Raum eingenommen werden muss, selbst wenn es nur durch eine Lücke ist, das Auftauchen einer trennenden Kluft vermutend. Das Negative erscheint positiv. Wo ein Mensch nicht liebt, muss das Nicht-lieben vernünftig erscheinen. Denn niemand liebt, weil er sieht, warum, sondern weil er liebt. Kein menschlicher Grund kann angegeben werden für die höchste Notwendigkeit des göttlich erschaffenen Daseins. Denn Gründe sind immer von oben her nach unten. Ein Mensch muss nur diese Notwendigkeit empfinden und das Fragen ist vorüber. Es rechtfertigt sich selbst. Doch der, welcher es nicht empfunden hat, kann es nicht erörtern. Er hat nur sein Trugbild, welches er selbst erschaffen hat in einem nichtigen Bemühen zu verstehen, und von welchem er annimmt, dass es das ist. Über Liebe kann nicht in ihrer Abwesenheit erörtert werden, denn da ist keine Wiederspiegelung, kein Sinnbild, das der Tatsache nahe genug kommt, um gerechte Behandlung durch die Berechnungen des Verstandes oder der Vorstellungskraft zu erlauben. Tatsächlich richtet das bloße Reden darüber einen Nebel zwischen dem Verstand [mind] und der Schau dessen auf. Doch lasst einen Menschen einmal lieben und all diese Schwierigkeiten, welche als der Liebe entgegengesetzt erschienen, werden gerade umso mehr Argumente für das Lieben sein.

Lasst einen Menschen einmal einen anderen finden, der unter die Räuber gefallen ist; lasst ihn einen Nächsten für ihn sein, Öl und Wein in seine Wunden gießen, sie verbinden und ihn auf sein eigenes Lasttier setzen und für ihn im Gasthaus bezahlen; lasst ihn all das tun aus bloßem Sinn für die Pflicht; lasst ihn gar, im Stolz seiner eingebildeten und in Ignoranz seiner wahren Berufung, kein Jota auf seine Jüdische Überlegenheit geben; lasst ihn sich auf den Grund seiner eigenen, niedrigsten Natur herablassen; und doch wird dies die Tugend des Gehorsams gegen eine ewige Wahrheit sein, selbst in diesem geringen Maß, das in die Tat umsetzend, was er nicht einmal in der Theorie gesehen hat, die Wahrheit tuend, selbst ohne an sie zu glauben, dass, selbst wenn die Wahrheit nach der Tat nicht den schwächsten Schimmer als Wahrheit in dem Menschen gibt, er doch Zeitalter näher an der Wahrheit sein wird als zuvor, dann wird er auf diese Weise den Samaritischen Nächsten etwas mehr lieben, als seine Jüdische Würde es rechtfertigen wird. Noch wird er die Vernünftigkeit dieses Handelns in Frage stellen, obwohl er sich nicht darum scheren mag, irgendeine Logik zu seiner Unterstützung zu bemühen. Wieviel mehr, wenn er ein Mensch wäre, der seinen Nächsten lieben würde, wenn er könnte, wird der höhere, nicht gesuchte Zustand im Handeln gefunden worden sein! Denn der Mensch ist ein Ganzes; und sobald er sich selbst vereint im gehorsamen Handeln, tut sich die Wahrheit, die in ihm ist, ihm selbst kund, aus dem neuen Ganzen leuchtend. Denn sein Handeln ist seine Antwort auf die eigene Machart durch seinen Schöpfer, sein persönlicher Anteil in der Schöpfung seiner selbst, sein Sich-beugen vor dem Alles in Allem, vor den Gezeiten, vor deren harmonischem, weltenbildendem Leben all sein Wesen fürderhin offen liegt zur Durchdringung und Einverleibung. Wenn der Wille einmal aufstrebt, wird er bald finden, dass die Handlung dem Gefühl vorausgehen muss, auf dass der Mensch den Urgrund des Fühlens selbst erkennt.

Für die, welche keine Autorität als Grund vorläufigen Handelns erkennen, sollte ein Zweifel, eine Vermutung der Wahrheit, Grund genug sein, es zu versuchen.

Die ganze Ordnung göttlicher Ausbildung, was die Beziehung von Mensch und Mensch betrifft, hat zum Ziel, dass ein Mensch seinen Nächsten lieben sollte wie sich selbst. Es ist keine Lehre, die er für sich selbst lernen kann, oder eine Pflicht, deren Verbildlichkeit durch Auseinandersetzung erzeigt werden kann, nicht viel mehr als der Unterschied zwischen richtig und falsch zu anderen Bedingungen bestimmt werden kann als zu ihren eigenen. „Doch dieser Unterschied“, mag eingewendet werden, „erweist sich selbst von sich selbst jedem Verstand [mind]: es ist selbstverständlich; wohingegen das Lieben des Nächsten nicht als vorausgesetzte Wahrheit gesehen wird; so weit davon entfernt, dass die weitaus größere Zahl derjenigen, die auf eine Ewigkeit der Seligkeit durch den, der es lehrte, hoffen, nicht wirklich glauben, dass es eine Wahrheit ist; sie glauben im Gegenteil, dass es die vorrangige Verpflichtung ist, sich um sich selbst zu kümmern und dabei das Vergessen des Nächsten zu riskieren.“

Doch das menschliche Geschlecht im Allgemeinen ist soweit gekommen, richtig und falsch zu erkennen; und deshalb werden die meisten Menschen fähig zur Unterscheidung geboren. Das Geschlecht hat noch nicht lange genug gelebt, dass seine letzte Nachkommenschaft mit der Wahrnehmung der Wahrheit der Liebe des Nächsten geboren wird. Sie muss vom gegenwärtigen Einzelnen durch lange Aufnahme und Unterwerfung unter die Lebensschule erkannt werden. Und einmal erkannt, wird sie geglaubt.

Die gesamte Grundordnung der menschlichen Gesellschaft existiert zu diesem ausdrücklichen Ende, sage ich, die zwei Wahrheiten, durch welche der Mensch lebt, zu lehren, Liebe zu Gott und Liebe zum Menschen. Ich werde nicht mehr sagen über die Geheimnisse der elterlichen Beziehung, weil sie zu der Lehre der früheren Wahrheit gehören, als dass wir in diese Welt kommen wie wir es tun, um zu der Liebe über uns aufzuschauen und in ihr ein Sinnbild zu sehen, armselig und schwach, und doch das beste, was wir haben oder empfangen können von der göttlichen Liebe. [[Fußnote: Es kann in tieferer und wahrhaftigerer Art ausgedrückt werden, indem man sagt, dass Gott die menschlichen Angelegenheiten nach seinen Gedanken geschaffen hat und sie daher als solche die besten Lehrer der Liebe zu ihm und zum Nächsten sind. Dies ist eine unermesslich edlere und wahrhaftigere Art, als sie als ein Schema oder einen Plan, erfunden durch den göttlichen Intellekt, zu betrachten.]] Und Tausende mehr würden es leicht finden, Gott zu lieben, wenn sie nicht solch miserable Vorbilder von ihm in den selbstsüchtigen, triebgesteuerten, ziellosen, untreuen Wesen hätten, die alles sind, was sie als Vater und Mutter haben, und denen ihre Kinder nicht lieber sind als ihr Wurf einem nicht denkenden Dammwild. Wovon ich jetzt reden will, in Bezug auf das zweite große Gebot, ist die Beziehung von Bruderschaft und Schwesternschaft. Warum kommt mein Bruder von demselben Vater und derselben Mutter? Warum betrachte ich die Hilflosigkeit und Zutraulichkeit seiner Kindheit? Warum wird der Säugling auf das Knie des Kindes gelegt? Warum wachsen wir mit derselben Nahrung auf? Warum betrachten wir das Wunder des Sonnenuntergangs und das Geheimnis des wachsenden Mondes zusammen? Warum teilen wir ein Bett, nehmen an denselben Spielen teil und versuchen dieselben Abenteuer? Warum streiten wir, schwören Vergeltung und Schweigen und endlose Feindschaft und, nicht in der Lage, der Bruderschaft in uns zu widerstehen, fallen uns in die Arme und vergessen das alles innerhalb einer Stunde? Ist es nicht deshalb, damit Liebe als Herrin über alles zwischen ihm und mir wächst? Ist es nicht deshalb, damit ich ihm gegenüber empfinde, wofür es keine Worte oder Gesten gibt es auszudrücken – eine Liebe nämlich, in welcher das Göttliche selbst hervorbricht in äußerster Selbstvergessenheit in der Betrachtung des Bruders zu leben – eine Liebe, die stärker ist als der Tod – fröhlich und stolz und zufrieden? Doch wenn Liebe dort aufhörte, was wäre das Ergebnis? Die eigene Zerstörung; Verlust der Bruderschaft. Er, der seinen Bruder nicht aus tieferen Gründen liebt, als die einer gemeinsamen Elternschaft, wird aufhören, ihn überhaupt zu lieben. Die Liebe, die nicht ihre Grenzen erweitert, das heißt, sich niemals ausbreitet, einschließt und vertieft, wird sich zusammenziehen, schrumpfen, verdorren, sterben. Ich hatte die Söhne meiner Mutter, dass ich die universale Bruderschaft lernen möge. Denn es gibt ein Band zwischen mir und dem allererbärmlichsten Lügner, der jemals für den Mord gestorben ist, den er nicht einmal gestehen wollte, ein Band, unendlich viel enger als das, welches nur daraus entspringt, einen Vater und eine Mutter zu haben. Dass wir die Söhne und die Töchter Gottes sind, geboren aus seinem Herzen, die hervortretende Nachkommenschaft seiner Liebe, ist ein viel engeres Band als alle anderen Bande zusammen. Kein Mensch hat je sein Kind recht geliebt, der es nicht für sein Menschsein, für seine Göttlichkeit geliebt hat, bis zum Vergessen, dass es von ihm selbst stammt. Der Sohn meiner Mutter ist tatsächlich mein Bruder genauso durch dieses großartigste und engste Band; doch wenn ich überhaupt dieses Band zwischen ihm und mir bemerke, bemerke ich es für mein ganzes Menschengeschlecht [race]. Wahrhaftig und Gott sei Dank! schließt das Größere nicht das Getingere aus; es macht all die schwächeren Bande stärker und wahrhaftiger, noch verbietet es, dass, während alle unsere Brüder sind, einige die sind, die uns besonders am Herzen liegen. Immer noch ist mein Bruder nach dem Fleisch mein erster Nächster, dass wir einander sehr nahe seien, ob wir es wollen oder nicht, während unsere Herzen zart sind, und auf diese Weise Bruderschaft lernen. Denn unsere Liebe zueinander ist nichts weiter als das Schlagen des Herzens der großen Bruderschaft und konnte nur vom ewigen VATER kommen, nicht von unseren Eltern. Dann erscheint mein zweiter Nächster und wer ist es? Mit wem auch immer ich in Berührung komme. Der, mit dem ich irgendeinen Austausch habe, was auch immer für menschliche Verbindungen. Nicht nur der Mensch, mit dem ich esse; nicht nur der Freund, mit dem ich meine Gedanken teile; nicht nur der Mensch, den mein Mitleid aus einem Tümpel ziehen würde; sondern der Mensch, der meine Kleidung macht; der Mensch, der mein Buch druckt; der Mensch, der mich in seiner Kutsche fährt; der Mensch, der mich auf der Straße anbettelt, dem ich, es mag sein, um der Bruderschaft willen, nichts geben darf; ja, selbst der Mensch, der sich zu mir herablässt. Bei allen und jedem gibt es eine Möglichkeit, den Teil eines Nächsten zu tun, wenn auch auf keine andere Weise, als aufrichtig zu reden, gerecht zu handeln und freundlich zu denken. Selbst diese Taten werden zu der Liebe verhelfen, welche aus der Gerechtigkeit geboren ist. Alles aufrichtige Handeln entspringt dem rechten Empfinden und lässt sein Wasser aufsteigen und fließen. Ein Mensch soll sich seinen Nächsten nicht aussuchen; er muss den Nächsten nehmen, den Gott ihm sendet. In ihm, wer immer er ist, liegt, verborgen oder offenbart, ein wunderschöner Bruder. Der Nächste ist gerade der Mensch, der dir in diesem Moment am nächsten ist, der Mensch, mit dem irgendeine Angelegenheit dich in Verbindung gebracht hat.

Auf diese Weise wird die Liebe sich ausbreiten und ausbreiten in weiteren und stärkeren Wellen, bis das gesamte menschliche Geschlecht [race] für den Menschen heilig liebenswert ist. Trunk-süchtig, Laster-gebeugt, Stolz-aufgeblasen, Wohlstands-aufgequollen, Nichtigkeits-beschmutzt, werden sie doch Brüder sein, Schwestern sein, Gott-geborene Nächste. Jedes grob-gehauene Erscheinungsbild von Menschlichkeit wird auf lange Sicht genug sein, um den Menschen zu Ehrerbietung und Zuneigung zu bewegen. Es ist für einige härter, dies zu lernen, als für andere. Es gibt jene, deren erster Impuls immer ist, abzuwehren und nicht zu empfangen. Doch lernen mögen sie, und lernen müssen sie. Selbst jene mögen in dieser Gnade wachsen, bis eine unbekannte Haltung in ihnen ein Verlangen nach Zuneigung erwecken wird bis hin zum Schmerz, weil es dafür keinen Ausdruck gibt und sie den Menschen nur Gott übergeben und still sein können.

Und jetzt kommen all die Argumente hinzu, von denen her der Mensch zuvor vergeblich versuchte, eine Treppe zu den sonnigen Höhen der Liebe zu bauen. „Ah, Bruder! Du hast eine Seele wie meine“, wird er sagen. „Aus deinen Augen schaust du und Sehen und Hören und Riechen besuchen deine Seele wie die meine, mit Erstaunen und zärtlichem Trost. Auch du liebst die Gesichter deiner Nächsten. Du wirst bedrückt durch deine Sorgen, aufgemuntert durch deine Freuden. Vielleicht weißt du nicht so gut wie ich, dass eine Ebene der Freude all deinen Kummer umgibt, Licht deine Finsternis, Frieden deine Unruhe. Oh, mein Bruder! Ich will dich lieben. Ich kann dir nicht sehr nahe kommen: umso mehr will ich dich lieben. Es mag sein, dass du deinen Nächsten nicht liebst; es mag sein, dass du nur daran denkst, wie du etwas von ihm bekommst, wie du Gewinn aus ihm ziehst. Wie einsam musst du dann sein! Wie gefangen in deiner Armuts-befallenen Kammer, mit den blanken Wänden deiner Selbstsucht und dem harten Lager deiner Unzufriedenheit! Ich will dich umso mehr lieben. Du sollst nicht allein sein mit dir selbst. Du bist nicht ich; du bist ein anderes Leben – ein zweites Selbst; deshalb kann ich, werde ich und will ich dich lieben.“

Wenn für einen Menschen einmal das menschliche Gesicht ein göttliches menschliches Gesicht ist und die Hand seines Nächsten die Hand eines Bruders, dann wird er verstehen, was Paulus meinte, als er sagte „Ich wünschte, ich wäre verflucht von Chrisrus fort um meiner Brüder willen.“ [Anmerkung: Zitat aus dem Römerbrief Kapitel 9] Doch er wird nicht länger jene verstehen, die, weit fort vom Empfinden der Liebe für ihre Nächsten als etwas Wesentliches ihres Seins, erwarten, in der kommenden Welt frei von ihrem Gesetz zu sein. Dort, für die Ehre Gottes, mögen sie ihre ausgedehnten Neigungen auf den engen Kreis ihres Himmels begrenzen. Auf ihrer Festung der Sicherheit werden sie die Hölle von Ferne erblicken und zueinander sagen „Hört! Lauscht auf ihr Stöhnen. Doch weint nicht, denn sie sind nicht mehr unsere Nächsten.“ Paulus wollte verdammt sein vom Gottes Thron, als er dachte, dass da auch nur ein Mensch jenseits der Umzäunung seiner Gnade war, und das sowohl zu Gottes Ehre als auch zum Wohl des Menschen. Und was sollen wir von dem Menschen Christus Jesus sagen? Wer, der seinen Bruder liebt, würde nicht, aufrecht gehalten durch die Liebe Christi, und mit der vagen Hoffnung, dass in weit entfernter Zeit da irgendwelche Hilfe für ihn sein könnte, sich aus der Gemeinschaft der Seligen erheben und hinunter gehen in die düsteren Ebenen der Verzweiflung, um bei dem letzten, dem einzig Unerlösten, dem Judas seines Geschlechtes [race], zu sitzen, und selbst gesegneter sein in den Schmerzen der Hölle als in den Herrlichkeiten des Himmels? Wer, inmitten der goldenen Harfen und weißen Schwingen, wissend, dass einer seiner Art, ein elender Bruder in der alten Weltzeit, wo die Menschen gelehrt wurden, ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst, unbeachtet weit unten in den Gewölben der Schöpfung hockt, muss nicht, schrecklich wie es wäre, seine Lenden gürten und hinunter gehen in den Rauch und die Finsternis und das Feuer, den mühevollen und furchtbaren Pfad reisend in das ferne Land, um seinen Bruder zu finden? – Wer, meine ich, der den Sinn [mind] Christi hat, der die Liebe des Vaters hatte?

Doch dies ist eine abwegige Frage. Gott ist und wird sein Alles in Allem. VATER unserer Brüder und Schwestern! du wirst nicht weniger herrlich sein als wir, gelehrt von Christus, in der Lage sind, dich zu denken. Wenn du in die Wildnis ziehst, um zu suchen, wirst du nicht nach Hause kommen, bis du gefunden hast. [Anmerkung: Anspielung auf das Gleichnis vom verlorenen Schaf, das der Hirte sucht, bis er es gefunden hat.] Es ist, weil wir nicht für sie in dir hoffen, dich nicht kennend, deine Liebe nicht kennend, dass wir so hart und herzlos zu unseren Brüdern und Schwestern sind, welche du uns gegeben hast.

Ein weiteres Wort: Diese Liebe zu unserem Nächsten ist die einzige Tür aus dem Verlies des Selbst, wo wir Trübsal blasen und Grimassen schneiden [Anmerkung: Wortspiel im Englischen „mope and mow“], Spähne zünden und Hölzer an den Wänden streichen und den Atem in unsere eigenen Nasenlöcher blasen, anstatt zum schönen Sonnenlicht Gottes zu eilen, dem süßen Wehen des Weltenalls. Der Mensch denkt, sein Bewusstsein ist er selbst; wohingegen sein Leben aus dem Hineinatmen Gottes besteht und dem Bewusstsein des Weltenalls der Wahrheit. Sich selbst zu besitzen, sich selbst zu kennen, sich an sich selbst zu erfreuen, nennt er Leben; wohingegen, wenn er sich selbst vergäße, sein Leben in Gott und in seinen Nächsten ein zehnfaches wäre. Der Bereich des Menschenlebens ist ein geistlicher Bereich. Gott, seine Freunde, seine Nächsten, all seine Brüder, das ist die weite Welt, in welcher allein sein Geist Raum finden kann. Er selbst ist sein Verlies. Wenn er es jetzt nicht fühlt, wird er es doch eines Tages fühlen – es fühlend wie eine lebende Seele es fühlen würde, wäre sie in einem toten Leib gefangen, in ein siebenfaches Leichenhemd gehüllt, begraben in einem steinernen Gewölbe im letzten Murmeln des Geräuschs der singenden Leute in der Kirche darüber. Sein Leben besteht nicht darin zu wissen, dass er lebt, sondern in der Liebe zu allen Formen des Lebens. Er ist geschaffen für das All, denn Gott, der das All ist, ist sein Leben. Und die wesentliche Freude seines Lebens liegt außerhalb in der Freiheit des Alls. Sein Entzücken, wie das der Vollkommenen Weisheit, liegt in den Söhnen der Menschen. Sein Heil liegt in dem Leib, dessen Haupt der Sohn des Menschen ist. Der gesamte Bereich des Lebens steht ihm offen – nein, er muss darin leben oder vergehen.

Noch soll ein Mensch auf diese Weise das Bewusstsein des Wohlbefindens verlieren. Weit tiefer und viel vollkommener werden Gott und sein Nächster es auf ihn zurück werfen – reines Leben. Nicht mehr wird er sich mit übler Plage quälen, es im Licht seines eigenen Verfalls hervorzubringen. Denn er soll die Herrlichkeit seines eigenen Seins im Lichte Gottes und seines Bruders erkennen.

Doch er mag begonnen haben, seinen Nächsten zu lieben, in der Hoffnung, ihn über kurz oder lang so zu lieben wie sich selbst, und nichtsdestotrotz zurückschrecken in Furcht vor einem anderen Wort unseres Herrn, scheinbar ein anderes Gesetz, noch härter als das erste, obwohl es in Wahrheit kein anderes ist, denn ohne Gehorsam gegen das erste, kann das andere nicht befolgt werden. Der hat noch nicht gelernt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, dessen Herz sich in ihm zusammenzieht bei dem Wort Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

 

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Über beatricegriguhn

Jesus liebende, exzessiv Tee trinkende, Bücher verschlingende Künstlerin mit Hang zu diversen Skurrilitäten

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