Vorbemerkung:

Originaltitel: „Unspoken Sermons“ Series One (Griechisch: Epea Aptera) von George MacDonald, zuerst veröffentlicht 1867. Online frei verfügbar (Gutenberg Projekt)

Übersetzt von Beatrice Griguhn

Für die zitierten Bibelstellen wurde eine ältere Version der Bibel nach Martin Luther (eine mir verfügbare Auflage aus dem Jahr 1928) verwendet, um in der hier vorliegenden Übersetzung von „Unspoken Sermons“ dem Sprachgebrauch der von George MacDonald verwendeten King James Bible nahe zu kommen.

Insgesamt geplant: 12 Blogbeiträge zu den 12 Kapiteln

Die Hände des Vaters

„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Lukas 23,46

Weder Matthäus noch Markus berichten uns von irgenwelchen Worten, die unser Herr nach dem Eloi äußerte. Sie berichten uns beide, gemeinsam mit Lukas, von einem Schrei mit lauter Stimme und dann von der Aufgabe des Geistes [ghost]; zwischen jenem Schrei und der Aufgabe verzeichnet Lukas die Worte „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Lukas sagt nichts von dem Gebet des Eloi der Verlassenheit. Johannes verzeichnet weder das Eloi, noch das Vater, in deine Hände, noch den lauten Schrei. Er berichtet uns nur, dass Jesus, nachdem er den Essig empfangen hatte, sagte „Es ist vollbracht“ und sein Haupt beugte und seinen Geist [ghost] aufgab.

Wird der Herr uns jemals sagen, warum er so schrie? War es der Schrei der Erleichterung bei der Berührung des Todes? War es der Schrei des Sieges? War es der Schrei der Freude, dass er ausgehalten hatte bis zum Ende? Oder hat der VATER nach ihm gesehen in Antwort auf sein Mein Gott und die Seligkeit dessen ließ ihn laut schreien, weil er nicht lächeln konnte? War sein Zustand jetzt solcherart, dass die größte Freude im Weltenall sich nur in einem lauten Schrei ausdrücken konnte? Oder war es nur das letzte Reißen des Schmerzes, ehe die letzendliche Ruhe einkehrte? Es mag alles in einem gewesen sein. Doch sicher kann niemals in allen Büchern, in allen Worten denkender Menschen so viel ausgedrückt werden, wie unausgesprochen in diesem Schrei des Sohnes Gottes lag. Nun hatte er seinen Vater nicht mehr nur zum Herrn der Schöpfermacht und Liebe allein gemacht, sondern auch zum Herrn der rechten Anbetung und tätigen Liebe. Nun sollte innere Sohnschaft und der Geist des freudigen Opfers in den Herzen der Menschen geboren werden; denn der göttliche Gehorsam war vervollkommnet im Leiden. Er ist unter seinen Brüdern gewesen, was er wollte, das seine Brüder seien. Er hatte für sie getan, was er wollte, das sie für Gott und füreinander tun. Gott war hinfort in ihnen und unter ihnen, als auch um sie und über ihnen, mit ihnen und für sie leidend, alles gebend, was er hatte, sein ganzes Lebendig-sein, das Wesen seiner Existenz, alles, was er lieben konnte, das beste, was er war. Er ist unter ihnen gewesen, ihr Gott-Bruder. Und die gewaltige Geschichte endet mit einem Schrei.

Also bedeutete der Schrei Es ist vollbracht; der Schrei bedeutete Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Alles höchste menschliche Handeln ist nur ein Zurückgeben an Gott von dem, was er uns zuerst gab. „Du, Gott, hast mir gegeben: hier ist dein Geschenk zurück. Ich sende meinen Geist [spirit] heim.“ Alle Anbetung ist ein Emporhalten zu Gott von dem, wozu Gott uns gemacht hat. „Hier, Herr, schau, was ich habe: fühle mit mir in dem, wozu du mich gemacht hast, in dieser, deiner eigenen Großzügigkeit, mein Sein. Ich bin dein Kind und weiß nicht, wie dir danken, es sei denn im Emporheben des Heb-Opfers deines überfließenden Lebens und in dem lauten Ruf ´Es ist deins: es ist meins. Ich bin dein und deshalb bin ich mein.´“ Die ausgedehnten Abläufe sowohl der geistlichen, als auch der leiblichen Welt sind schlicht eine Rückkehr zur Quelle.

Die letzte Handlung unseres Herrn, indem er seinen Geist am Ende seines Lebens befahl, war nur eine Zusammenfassung von dem, was er sein ganzes Leben getan hatte. Er hat sein Opfer dargebracht, das Opfer seiner selbst, all die Jahre und auf diese Weise sich opfernd hat er das göttliche Leben gelebt. Jeden Morgen, wenn er hinausging, ehe es Tag war, jeden Abend, wenn er auf dem nachtverhüllten Berge weilte, nachdem seine Freunde gegangen waren, gab er sich selbst seinem VATER in der Gemeinschaft  liebender Worte, erhöhter Gedanken, wortloser Empfindungen; und dazwischen wandte er sich, dasselbe zu tun in der Tat, das heißt, in liebenden Worten, in helfenden Gedanken, in heilenden Handlungen gegen seine Gefährten; denn der Weg Gott anzubeten, während das Tageslicht währt, ist zu arbeiten; der Dienst Gottes, das einzig „göttliche Dienen“, ist unseren Gefährten zu helfen.

Ich suche nicht, dieses Befehlen unseres Geistes an unseren VATER als eine Pflicht herauszustellen: das bedeutet, das höchste Privileg, das wir besitzen, in eine schwere Last, die zu tragen ist, zu verwandeln. Doch ich will zeigen, dass es die schlichteste, seligste Sache in der menschlichen Welt ist.

Denn das Menschliche Wesen mag so bei sich selbst sagen: „Werde ich schlafen – das Bewusstsein verlieren – um hilflos zu sein für eine Zeit – gedankenlos – tot? Oder, eine noch schrecklichere Vorstellung, in den Träumen, die kommen mögen, mag ich da nicht willensschwach und bewusstseinstrüb sein? – VATER, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Ich gebe mich selbst dir zurück. Nimm mich, beruhige mich, erfrische mich, ´mach mich wieder neu´. Werde ich hinausgehen in das Geschäft und den Trubel des Tages, wo so viele Versuchungen kommen mögen, weniger ehrenvoll, weniger treu, weniger freundlich, weniger eifrig zu handeln, als der Ideale Mensch will, dass ich tue? – VATER, in deine Hände. Werde ich eine gute Tat vollbringen? Dann, vor allen Dingen, – VATER, in deine Hände; damit nicht der Feind mich erhasche. Werde ich eine harte Pflicht erfüllen, von der ich mich glücklich abwenden würde, – die Bitte eines Freundes abzulehnen, eines Nächsten Gewissen zu ermahnen? – VATER, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Bin ich in Schmerzen? Kommt Krankheit über mich, die fröhliche Schau eines gesunden Verstandes auszulöschen und mir solche zu bringen, die beunruhigend und unwahr ist? – Nimm meinen Geist, Herr, und sieh zu, wie du willst, dass er nicht mehr zu tragen hat, als er tragen kann. Werde ich sterben? Du weißt, wenn auch nur durch den Schrei deines Sohnes, wie furchtbar das ist; und wenn es nicht in solch einer furchtbaren Form über mich kommt, wie es über ihn kam, denke daran, wie armselig das zu tragen ich neben ihm bin. Ich weiß nicht, was der Kampf bedeutet; denn, von den Tausenden, die jeden Tag hindurch müssen, klärt keiner seinen Nächsten auf, den er zurücklässt; doch werde ich nicht in Agonie nach einem Zug deiner Luft verlangen und ihn nicht empfangen? Werde ich nicht auseinandergerissen werden im Sterben? – Ich werde nicht weiter fragen: VATER, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Denn es ist deine Angelegenheit, nicht meine. Du wirst jede Schattierung meines Leidens kennen; du wirst für mich sorgen in deiner vollkommenen Vaterschaft; denn das bewirkt meine Sohnschaft, hüllt es ein und umhüllt es. Als ein Kind konnte ich große Schmerzen ertragen, wenn mein Vater sich über mich beugte oder seinen Arm um mich legte: wieviel näher kann nicht meine Seele deinen Händen kommen! – Ja, mit einem Trost, mein Vater, den ich mir noch niemals zuvor je vorstellte, denn wie soll meine Vorstellungskraft dein rasches Herz überholen? Ich kümmere mich nicht um den Schmerz, solange mein Geist stark ist und in deine Hände befehle ich diesen Geist. Wenn deine Liebe, welche besser ist als das Leben, ihn empfängt, dann wird deine Zärtlichkeit ihn sicher groß machen.“

Dies mag das Menschliche Wesen zu sich selbst sagen.

Denkt nur, Brüder, denkt nur, Schwestern, wir wandeln in der Luft einer ewigen Vaterschaft. Jedes Erheben des Herzens ist ein Aufschauen zu DEM VATER. Güte und Wahrheit sind um uns, über uns, unter uns, ja, in uns. Wenn wir am unwürdigsten sind, dann, am versuchtesten, härtesten, unfreundlichsten, lasst uns doch unseren Geist in seine Hände befehlen. Wohin sonst sollten wir ihn schicken? Wie ein irdischer Vater ein Kind lieben würde, welches in seinen Raum schleicht mit verärgertem, besorgtem Gesicht und sich zu seinen Füßen setzt und sagt, wenn es gefragt wird, was es will: „Ich fühle mich so ungezogen, Papa, und ich will gut werden!“ Würde er zu seinem Kind sagen: „Wie kannst du es wagen! Geh hinaus und sei gut und dann komm wieder!“? Und sollten wir wagen zu denken, dass Gott uns fortschicken würde, wenn wir so zu ihm kämen, und es ihm nicht gefallen würde, dass wir kamen, selbst wenn wir so verärgert wie Jonah [Anmerkung: der Prophet Jonah verkündete den untergang Ninives. Als der Untergang nicht eintraf, weil die Bevölkerung der Stadt Buße tat und Gott sie deshalb verschonte, war Jonah verärgert mt Gott. Gott wendet sich ihm jedoch zu und lässt einen Rizinus wachsen, in dessen gnädigem Schatten jonah sich vor der Sonne schützen kann.] wären? Würden wir nicht alle Zärtlichkeit unserer Natur über solch einem Kind ausgießen? Und sollten wir wagen zu denken, dass, wenn wir, die wir böse sind, wissen, wie wir unseren Kindern gute Gaben geben können, Gott uns nicht seinen eigenen Geist geben würde, wenn wir kommen und ihn fragen? [Anmerkung: indirektes Zitat einer Rede Jesu über die guten Gaben des Vaters und die Bitte um den Heiligen Geist] Wird nicht himmlischer Tau sich kühl auf die heiße Wut legen? Warmherziger Regentropfen auf trockene Selbstsucht? Sonnenstrahl auf bewölkte Hoffnungslosigkeit? Brot, zuletzt, wird gegeben werden, und kein Stein; Wasser, zuletzt, ganz sicher, und nicht Essig vermischt mit Galle. [Anmerkung: Jesus sprach, ehe er seinen Geist aufgab, „Mich dürstet“ – man reichte ihm einen in Essig getränkten Schwamm hinauf.]

Noch gibt es irgendetwas, das wir für uns selbst erbitten können, das wir nicht für einen anderen erbitten mögen. Wir mögen jeden Bruder, jede Schwester der gemeinsamen Vaterschaft befehlen. Und es wird Augenblicke geben, wenn, erfüllt mit dem Geist, welcher der Herr ist, nichts unser Herz von ihrer Liebe erleichtern wird, als alle Menschen, all unsere Brüder, all unsere Schwestern dem einen VATER zu befehlen. Noch werden wir jemals diese Ruhe in der Hand des VATERS kennen, diese Ruhe des Heiligen Grabes, welche der Herr kannte, als die Agonie des Todes vorüber war, als der Sturm der Welt hinter seinem aufgegebenen Geist verstummte, und er in die Regionen eintrat, wo nur Leben ist, und deshalb alles, was nicht Musik ist, Stille ist (denn aller Lärm kommt aus der Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod) – wir werden nie in der Lage sein, sage ich, am Busen des VATERS zu ruhen, bis die Vaterschaft uns vollkommen in der Liebe der Brüder offenbart ist. Denn er kann nicht unser Vater sein, es sei denn er ist ihr Vater; und wenn wir ihn nicht sehen und ihn als ihren Vater empfinden, können wir ihn nicht als unseren kennen. Niemals werden wir ihn recht kennen, bis wir jubeln und frohlocken für unser Geschlecht, dass er der VATER ist. Er, der nicht liebt seinen Bruder, welchen er sieht, wie kann er Gott lieben, welchen er nicht sieht? [Anmerkung: indirektes Zitat auf dem 1. Brief des Apostels Johannes] Um zu ruhen, zuletzt, sage ich, selbst in diesen Händen, in welche der Herr seinen Geist befahl, müssen wir bereits gelernt haben, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

 

Erklärung:

Die Texte von George MacDonald sind im Netz im englischen Original leicht auffindbar, frei verfügbar und verwendbar. Es gibt bereits einige begonnene Übersetzungsversuche im Netz, die ich für meine Arbeit am Text jedoch nicht herangezogen habe, insofern verletze ich also keine Rechte. Die Konsultation war rein informativ, ob ein solches Projekt bereits existiert. Eine vollständige, offiziell verfügbare oder in Druckversion käuflich zu erwerbende Übersetzung der „Unspoken Sermons“ existiert meines Wissens nicht. Andere Werke von George MacDonald, speziell seine Kinderbücher, sind in Übersetzung und im englischen Original als Neuauflagen verfügbar.

 

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Über beatricegriguhn

Jesus liebende, exzessiv Tee trinkende, Bücher verschlingende Künstlerin mit Hang zu diversen Skurrilitäten

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